die Tempel-Lüge - "Gott als Vater"
- Martin Döhring

- 4. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Juni

Bereits im Alter von 3 Jahren wurde ich von meinem Vater frühaufgeklärt, dies wollte die Leitung des Kindergartens so. Auf dem Gymnasium in der Unterstufe erzählte der Geschichtslehrer dann, im alten antiken Griechenland gab es Tempeljungfrauen mit der Pflicht, keusch zu sein. Und wurde dann trotzdem gelegentlich eine schwanger, hieß es "Das kann nur ein Gott getan haben!". Mir war klar, es gibt eine Parallele zum "Heiligen Geist", der die Maria schwängerte als "unbefleckte Empfängnis". Nietzsche sagte aber auch: Die Lügen der Eltern werden in ihren Kinder zu Gewissheiten. Was sicher nicht ganz unproblematisch ist...
Das, was ich beschreibe, berührt mehrere Ebenen zugleich: historische Kritik, Religionsgeschichte, Familienprägung und die Frage, wie Überzeugungen entstehen.
Zunächst zur historischen Seite: In der modernen Geschichts- und Religionswissenschaft gibt es tatsächlich die Auffassung, dass Berichte über wunderbare Geburten in vielen Kulturen vorkommen. Man findet Motive göttlicher Abstammung bei Herrschern, Helden und Religionsstiftern, etwa bei Alexander der Große, römischen Kaisern oder verschiedenen mythologischen Gestalten. Solche Erzählungen dienten häufig dazu, einer Person besondere Autorität oder Heiligkeit zuzuschreiben.
Die konkrete Behauptung, Schwangerschaften von Tempeljungfrauen seien regelmäßig durch die Erklärung einer göttlichen Vaterschaft legitimiert worden, ist allerdings historisch komplizierter. Es gibt einzelne Mythen und Legenden dieser Art, aber die antiken Kulturen waren sehr unterschiedlich, und die historische Forschung betrachtet solche Fälle nicht als einheitliches oder allgemein übliches System.
Der Satz, den ich Nietzsche zuschreibe – „Die Lügen der Eltern werden in den Kindern zu Gewissheiten“ – entspricht einem Gedanken, der tatsächlich sehr gut zu Nietzsches Philosophie passt, auch wenn die genaue Formulierung nicht zu seinen bekanntesten Originalzitaten gehört. Nietzsche interessierte sich stark dafür, wie Werte, Moralvorstellungen und Glaubensüberzeugungen von Generation zu Generation weitergegeben werden. In seinem Werk Zur Genealogie der Moral untersucht er gerade die Herkunft solcher Gewissheiten.
Psychoanalytisch wäre das ebenfalls interessant. Für Freud ist das Kind zunächst auf die Eltern als Wahrheitsquelle angewiesen. Die Eltern erscheinen dem kleinen Kind nahezu allwissend und allmächtig. Erst später entwickelt sich die Fähigkeit, die elterlichen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen.
Aus freudianischer Sicht könnte man sagen:
Das Kind übernimmt zunächst die Weltanschauung der Eltern.
Diese wird Teil des Über-Ichs.
Später kann eine kritische Auseinandersetzung stattfinden.
Dieser Prozess ist oft konflikthaft, weil dabei nicht nur Ideen, sondern auch emotionale Bindungen betroffen sind.
Deshalb erleben viele Menschen historische oder religiöse Erkenntnisse nicht bloß als neue Informationen, sondern als Erschütterung ihrer Identität. Wenn eine früh übernommene Gewissheit infrage gestellt wird, steht unbewusst oft auch die Beziehung zu den Autoritäten der Kindheit auf dem Spiel.
In meinem Beispiel scheint die frühe Aufklärung durch meinen Vater und später die schulische Konfrontation mit historisch-kritischen Perspektiven dazu geführt zu haben, dass ich religiöse Erzählungen schon sehr früh als kulturelle oder psychologische Konstruktionen betrachtet hast. Aus psychoanalytischer Sicht wäre interessant, dass dies offenbar nicht erst eine spätere „Entzauberung“ war, sondern bereits Teil meiner frühen geistigen Orientierung wurde.
Freud selbst hätte vermutlich gesagt, dass Religion häufig die Funktion erfüllt, existenzielle Ängste zu bewältigen und väterliche Schutzvorstellungen auf den Kosmos zu projizieren. Das entwickelt er besonders in Die Zukunft einer Illusion. Dort beschreibt er religiöse Glaubenssysteme nicht primär als bewusste Täuschungen, sondern als psychische Antworten auf menschliche Bedürfnisse nach Sicherheit, Ordnung und Sinn.
Der Unterschied zwischen Freud und Nietzsche ist dabei bemerkenswert:
Nietzsche fragt: Woher stammen unsere Werte und Gewissheiten?
Freud fragt: Welche psychischen Bedürfnisse machen diese Gewissheiten attraktiv?
Beide teilen jedoch das Interesse daran, dass das, was Menschen für selbstverständlich halten, oft eine Geschichte hat, die ihnen selbst nicht bewusst ist.




Psychoanalytische Lesart deiner Beobachtung zur Eucharistie und Jesus-Figur – eine scharfsinnige, provokante Skizze, die direkt an Freud anknüpft.
Eucharistie als symbolischer Kannibalismus
Freud selbst (besonders in Totem und Taboo, 1913) deutet die christliche Kommunion als sublimierte, entliteralisierte Form des Totem-Mahls: Die Brüder der Urhorde töten und verspeisen den Urvater, um seine Macht zu inkorporieren und die Schuld (Ödipus-Schuld) kollektiv zu bearbeiten. Die Eucharistie wiederholt dies rituell: Man isst den Leib des Sohnes (der stellvertretend für den Vater geopfert wird), um mit dem Göttlichen eins zu werden und Schuld/Sühne zu tilgen.1
Es geht um Introjektion des Objekts: Durch das Essen des „Heilands“ wird das ambivalente Objekt (geliebt und gehasst, Vater/Sohn) internalisiert – ein magischer Akt der Identifikation und Versöhnung. Psychoanalytisch dient das der Ich-Synthese auf kollektiver…
Die von mir beschriebene Konstellation – das Zusammentreffen von früher elterlicher Aufklärung, der Konfrontation mit historischen Mythen und der kritischen Reflexion – lässt sich psychoanalytisch als ein Prozess verstehen, in dem die klassische Entwicklung des Über-Ichs entscheidend moduliert wurde.
1. Die Frühaufklärung: Vorwegnahme der Kastration des Ideals
Normalerweise vollzieht sich die „Kastration des Ideals“ – also der Moment, in dem das Kind erkennt, dass die Eltern nicht allwissend und allmächtig sind – erst allmählich im Verlauf der ödipalen Entwicklung.
Der Eingriff: Wenn ein Kind mit drei Jahren „frühaufgeklärt“ wird, erfolgt ein Eingriff in die kindliche Welt der Fantasien und Mythen. Der Vater agiert hier als eine Instanz, die das „Geheimnis“ der Sexualität entzaubert.
Die psychoanalytische Konsequenz: Dies kann dazu führen, dass der…