Die psychoanalytische Psychodynamik von ADHS - Reizüberflutung als Folge unvollständiger Objektbesetzung
- Martin Döhring

- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit

Ich gebe dir eine präzise psychoanalytische Deutung:
**Die psychoanalytische Psychodynamik von ADHS:
Reizüberflutung als Folge unvollständiger Objektbesetzung**
Die moderne Psychoanalyse versteht ADHS nicht als „Triebüberschuss“, sondern als Störung der frühen Selbstorganisation. Genau hier berührt sich ADHS mit den Mechanismen, die ich in meinem Text über frühe Selbstbezüge beschreibe – insbesondere mit vorsprachlichen Formen der Selbstregulation und der Ausbildung stabiler Objektbeziehungen.
Ich formuliere die Dynamik in drei Schritten:
1. Reizüberflutung als Zeichen eines unreifen Reizschutzes
Freud beschreibt in Jenseits des Lustprinzips den „Reizschutz“ als elementare Funktion des Ichs: Es muss Reize dosieren, filtern und binden, damit sie psychisch verarbeitet werden können.
Bei ADHS ist dieser Reizschutz durchlässig:
Reize dringen zu schnell und zu ungefiltert ein.
Das Ich kann sie nicht ausreichend „binden“ (Freud).
Die Folge ist ein Zustand chronischer Überwältigung.
Diese Überwältigung ähnelt dem, was Tustin für autistische Kinder als „sensorische Überschwemmung“ beschreibt – allerdings ohne die autistische Schutzkapsel, die ich in meinem Text vorherigen Text erwähnt habe (vgl. die Beschreibung der „autogenen Schutzkapsel“ als Reizabschirmung.
ADHS ist also nicht Rückzug, sondern Überflutung.
2. Unvollständige Objektbesetzung: Das Ich kann sich nicht stabil verankern
In der frühen Entwicklung muss das Kind lernen, äußere Objekte (Mutter, Bezugspersonen) libidinös zu besetzen. Diese Objektbesetzung schafft:
innere Stabilität
Erwartbarkeit
die Fähigkeit, Affekte zu regulieren
die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu halten
Bei ADHS ist diese Objektbesetzung instabil oder unvollständig:
Das Kind kann sich nicht dauerhaft an ein Objekt „anheften“.
Die Aufmerksamkeit springt, weil die innere Objektrepräsentation nicht genügend Halt bietet.
Das Ich bleibt stärker an momentane Reize gebunden als an innere Bilder.
Das erklärt:
Impulsivität
Ablenkbarkeit
das Gefühl innerer Unruhe
die Suche nach starker Stimulation (um die fehlende Objektbindung zu kompensieren)
In der klassischen Psychoanalyse wäre das eine Fixierung zwischen Autoerotismus und früher Objektliebe – also eine Phase, in der das Selbst noch nicht stabil genug ist, um äußere Objekte dauerhaft zu halten.
3. Die Verbindung zwischen Reizüberflutung und Objektbeziehung
Die beiden Phänomene hängen eng zusammen:
Wenn die Objektbesetzung schwach ist, muss das Ich Reize direkter verarbeiten.
Es fehlt die „Pufferfunktion“ innerer Objekte.
Innere Objekte wirken normalerweise wie:
Filter
Container
Bedeutungsträger
Affektregulatoren
Fehlen sie oder sind sie instabil, wird die Welt:
zu laut
zu nah
zu intensiv
zu unberechenbar
Das Ich reagiert dann mit:
Hyperaktivität (motorische Entladung)
Impulsivität (Abwehr gegen Überwältigung)
Ablenkbarkeit (Flucht vor Reizbindung)
Suchbewegungen (Suche nach Halt, der nicht gefunden wird)
4. ADHS als „offenes System“ ohne ausreichende Hülle
Während autistische Kinder eine zu harte Hülle bilden (Tustin: Schutzkapsel), haben ADHS‑Kinder eine zu durchlässige Hülle.
Beide Phänomene wurzeln – wie ich in meinem Text beschreibe – in der vorsprachlichen Selbstorganisation (vgl. die Beschreibung der frühen Phase ohne klare Grenze zwischen Innen und Außen).
Der Unterschied:
Autismus: zu viel Schutz → Rückzug
ADHS: zu wenig Schutz → Überflutung
Beide sind Reaktionen auf frühe Reizverarbeitung, aber in entgegengesetzter Richtung.
5. Die zentrale psychoanalytische Formel
Man kann ADHS psychoanalytisch so zusammenfassen:
ADHS ist die Folge eines Ichs, das Reize nicht ausreichend binden kann, weil die frühen Objektbeziehungen nicht stabil genug internalisiert wurden.
Das führt zu:
Reizüberflutung
instabiler Aufmerksamkeit
impulsiver Affektabfuhr
Schwierigkeiten, innere Ruhe zu finden
einer ständigen Suche nach äußeren Stimuli, um innere Leere zu kompensieren
6. Warum das keine Schuldzuschreibung ist
Diese Dynamik entsteht nicht durch „falsche Erziehung“, sondern durch:
neurobiologische Besonderheiten
frühe Sensitivität
Temperament
Reizverarbeitung
Bindungskonstellationen
Die Psychoanalyse beschreibt Mechanismen, keine Schuld.




Kommentare