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Die psychoanalytische Psychodynamik von ADHS - Reizüberflutung als Folge unvollständiger Objektbesetzung

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 11. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Ich gebe dir eine präzise psychoanalytische Deutung:

**Die psychoanalytische Psychodynamik von ADHS:

Reizüberflutung als Folge unvollständiger Objektbesetzung**

Die moderne Psychoanalyse versteht ADHS nicht als „Triebüberschuss“, sondern als Störung der frühen Selbstorganisation. Genau hier berührt sich ADHS mit den Mechanismen, die ich in meinem Text über frühe Selbstbezüge beschreibe – insbesondere mit vorsprachlichen Formen der Selbstregulation und der Ausbildung stabiler Objektbeziehungen.

Ich formuliere die Dynamik in drei Schritten:

1. Reizüberflutung als Zeichen eines unreifen Reizschutzes

Freud beschreibt in Jenseits des Lustprinzips den „Reizschutz“ als elementare Funktion des Ichs: Es muss Reize dosieren, filtern und binden, damit sie psychisch verarbeitet werden können.

Bei ADHS ist dieser Reizschutz durchlässig:

  • Reize dringen zu schnell und zu ungefiltert ein.

  • Das Ich kann sie nicht ausreichend „binden“ (Freud).

  • Die Folge ist ein Zustand chronischer Überwältigung.

Diese Überwältigung ähnelt dem, was Tustin für autistische Kinder als „sensorische Überschwemmung“ beschreibt – allerdings ohne die autistische Schutzkapsel, die ich in meinem Text vorherigen Text erwähnt habe (vgl. die Beschreibung der „autogenen Schutzkapsel“ als Reizabschirmung.


ADHS ist also nicht Rückzug, sondern Überflutung.

2. Unvollständige Objektbesetzung: Das Ich kann sich nicht stabil verankern

In der frühen Entwicklung muss das Kind lernen, äußere Objekte (Mutter, Bezugspersonen) libidinös zu besetzen. Diese Objektbesetzung schafft:

  • innere Stabilität

  • Erwartbarkeit

  • die Fähigkeit, Affekte zu regulieren

  • die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu halten

Bei ADHS ist diese Objektbesetzung instabil oder unvollständig:

  • Das Kind kann sich nicht dauerhaft an ein Objekt „anheften“.

  • Die Aufmerksamkeit springt, weil die innere Objektrepräsentation nicht genügend Halt bietet.

  • Das Ich bleibt stärker an momentane Reize gebunden als an innere Bilder.

Das erklärt:

  • Impulsivität

  • Ablenkbarkeit

  • das Gefühl innerer Unruhe

  • die Suche nach starker Stimulation (um die fehlende Objektbindung zu kompensieren)

In der klassischen Psychoanalyse wäre das eine Fixierung zwischen Autoerotismus und früher Objektliebe – also eine Phase, in der das Selbst noch nicht stabil genug ist, um äußere Objekte dauerhaft zu halten.

3. Die Verbindung zwischen Reizüberflutung und Objektbeziehung

Die beiden Phänomene hängen eng zusammen:

Wenn die Objektbesetzung schwach ist, muss das Ich Reize direkter verarbeiten.

Es fehlt die „Pufferfunktion“ innerer Objekte.

Innere Objekte wirken normalerweise wie:

  • Filter

  • Container

  • Bedeutungsträger

  • Affektregulatoren

Fehlen sie oder sind sie instabil, wird die Welt:

  • zu laut

  • zu nah

  • zu intensiv

  • zu unberechenbar

Das Ich reagiert dann mit:

  • Hyperaktivität (motorische Entladung)

  • Impulsivität (Abwehr gegen Überwältigung)

  • Ablenkbarkeit (Flucht vor Reizbindung)

  • Suchbewegungen (Suche nach Halt, der nicht gefunden wird)

4. ADHS als „offenes System“ ohne ausreichende Hülle

Während autistische Kinder eine zu harte Hülle bilden (Tustin: Schutzkapsel), haben ADHS‑Kinder eine zu durchlässige Hülle.

Beide Phänomene wurzeln – wie ich in meinem Text beschreibe – in der vorsprachlichen Selbstorganisation (vgl. die Beschreibung der frühen Phase ohne klare Grenze zwischen Innen und Außen).

Der Unterschied:

  • Autismus: zu viel Schutz → Rückzug

  • ADHS: zu wenig Schutz → Überflutung

Beide sind Reaktionen auf frühe Reizverarbeitung, aber in entgegengesetzter Richtung.

5. Die zentrale psychoanalytische Formel

Man kann ADHS psychoanalytisch so zusammenfassen:

ADHS ist die Folge eines Ichs, das Reize nicht ausreichend binden kann, weil die frühen Objektbeziehungen nicht stabil genug internalisiert wurden.

Das führt zu:

  • Reizüberflutung

  • instabiler Aufmerksamkeit

  • impulsiver Affektabfuhr

  • Schwierigkeiten, innere Ruhe zu finden

  • einer ständigen Suche nach äußeren Stimuli, um innere Leere zu kompensieren

6. Warum das keine Schuldzuschreibung ist

Diese Dynamik entsteht nicht durch „falsche Erziehung“, sondern durch:

  • neurobiologische Besonderheiten

  • frühe Sensitivität

  • Temperament

  • Reizverarbeitung

  • Bindungskonstellationen


Die Psychoanalyse beschreibt Mechanismen, keine Schuld.

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
13. Juni

Die psychoanalytische Psychodynamik von ADHS: Reizüberflutung als Folge unvollständiger Objektbesetzung (Originalbeitrag von Martin Wilhelm Döhring)

Einleitung

Die öffentliche Diskussion über ADHS wird bis heute weitgehend von neurobiologischen und verhaltenstheoretischen Modellen bestimmt. Aufmerksamkeitsschwäche, Impulsivität und Hyperaktivität erscheinen dabei als Folgen neurophysiologischer Besonderheiten, insbesondere veränderter Regulationsmechanismen dopaminerger und noradrenerger Systeme. Diese Sichtweise hat zweifellos große Erklärungskraft. Dennoch beantwortet sie nicht die Frage, wie sich die subjektive Erfahrung eines Menschen mit ADHS gestaltet und welche psychische Bedeutung seine Symptome besitzen.

Die Psychoanalyse nähert sich diesem Phänomen aus einer anderen Perspektive. Sie fragt nicht primär nach neuronalen Defiziten, sondern nach den Bedingungen, unter denen ein Ich entsteht, das Reize verarbeiten, Affekte regulieren und stabile Beziehungen zu inneren und äußeren Objekten aufbauen kann. Aus dieser…

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