Autoerotismus und Autismus: Historische Verknüpfung und psychoanalytische Differenzierung früher Selbstbezüge
- Martin Döhring

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In der Psychoanalyse gelten Autoerotismus und Autismus als zwei unterschiedliche, aber historisch eng miteinander verknüpfte Konzepte. Beide beziehen sich auf sehr frühe, vorsprachliche Entwicklungsstufen des Selbst, in denen das Kind noch keine stabile Objektbeziehung zur äußeren Welt aufgebaut hat. Während Autoerotismus die lustbesetzte Selbstbezogenheit der frühen kindlichen Sexualität beschreibt, bezeichnet Autismus primitive Rückzugs- und Schutzmechanismen gegenüber überwältigenden Reizen. Die zeitweise begriffliche Vermischung im 20. Jahrhundert erklärt sich aus diesem gemeinsamen Boden frühkindlicher Selbstorganisation – sie ist jedoch nicht inhaltlich-sexuell zu verstehen, sondern entwicklungspsychologisch und begriffsgeschichtlich.
### 1. Historischer Zusammenhang: Freud, Bleuler und die begriffliche Abspaltung
Sigmund Freud prägte den Begriff Autoerotismus für die früheste Phase der kindlichen Sexualentwicklung. In dieser Stufe gewinnt das Kind Lust nicht primär aus äußeren Objekten, sondern aus der eigenen Körperoberfläche und -funktionen (z. B. Daumenlutschen, Wiegen, Hautreize). Autoerotismus ist damit eine narzisstische Vorstufe der Objektliebe – eine Form der Lustregulation, bei der das Selbst noch weitgehend mit dem eigenen Körper zusammenfällt.
Eugen Bleuler übernahm den englischen Ausdruck „autoerotic“ von Havelock Ellis, löste ihn jedoch bewusst von der sexuellen Konnotation und formte daraus den Begriff Autismus. Damit beschrieb er einen pathologischen Rückzug in die eigene Innenwelt, der bei bestimmten psychischen Erkrankungen (insbesondere der von ihm so genannten Schizophreniegruppe) auftritt. Die begriffliche Verbindung ist gut dokumentiert: Autismus entstand als Abspaltung aus dem autoerotischen Konzept, blieb aber thematisch mit frühen selbstbezogenen Zuständen verknüpft. Wichtig ist die Klarstellung: Autismus ist keine Form von Autoerotismus. Die Verbindung ist historisch, nicht kausal-sexuell.
### 2. Psychoanalytische Sicht: Gemeinsamer Boden in der frühesten Selbstorganisation
Moderne psychoanalytische Autoren wie Frances Tustin, Donald Meltzer und Margaret Mahler haben diesen gemeinsamen Entwicklungsraum vertieft. Sowohl autoerotische als auch autistische Phänomene wurzeln in der präverbalen, sensomotorischen Phase der Psyche:
- Autoerotismus dient der frühen Selbstberuhigung und Lustregulation. Durch rhythmische körperliche Aktivitäten schafft das Kind eine erste Kohärenz des Selbst und reguliert Spannungszustände.
- Autistische Rückzüge hingegen fungieren als Schutz vor überwältigenden, noch nicht symbolisierbaren Eindrücken aus der Umwelt. Tustin sprach von einer „autogenen Schutzkapsel“ – einer harten, sensorischen oder psychischen Abschirmung, die das fragile Selbst vor Fragmentierung bewahrt.
Beide Mechanismen sind primitive Formen der Selbstregulation. Sie entstehen in einer Phase, in der das Kind noch keine klare Grenze zwischen Innen und Außen, Selbst und Objekt gezogen hat. Der Übergang von autoerotischer Selbstbezogenheit zu autistoider Abschirmung kann fließend sein, besonders bei frühen Traumatisierungen oder einer mangelnden „haltenden Umwelt“ (Winnicott).
### 3. Klinischer Zusammenhang: Autoerotische Aktivitäten als Angstregulation
In psychoanalytischen Fallstudien mit autistischen oder autistoiden Patienten zeigt sich eine praktische Überschneidung: Autosensuelle (autoerotische) Aktivitäten können eine wichtige Funktion bei der Stabilisierung autistischer Rückzüge übernehmen. Starke frühkindliche Ängste – etwa durch nicht hinreichend modulierte Reize oder frühe Trennungstraumata – lassen sich nicht symbolisieren. Der Rückzug in die autistische Schutzkapsel wird dann durch rhythmische, selbstbezogene Handlungen (Körperwiegen, Stereotypien, intensive taktile Reize) beruhigt und aufrechterhalten.
Dies bedeutet nicht, dass Autismus ein sexualisiertes Phänomen sei. Vielmehr unterstreicht es, dass frühkindliche Selbstberuhigungsmechanismen sowohl im Bereich der Lust (Autoerotismus) als auch im Bereich der Angstabwehr (Autismus) wirksam sind. Die autoerotische Komponente dient hier als sekundäre Stabilisierung eines primären Schutzbedürfnisses.
### 4. Warum die Begriffe heute klar getrennt werden
Die moderne Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaft haben Autismus als neurologisches Entwicklungsprofil etabliert, das mit spezifischen Besonderheiten in der sensorischen Verarbeitung, sozialen Kognition und exekutiven Funktionen einhergeht. Psychoanalytische Modelle verstehen autistische Phänomene primär als Abwehr gegen frühe, existenzielle Angst und Fragmentierungsgefahr, nicht als Ausdruck infantiler Sexualität.
Autoerotismus bleibt hingegen fest in der Theorie der psychosexuellen Entwicklung verankert. Die Psychoanalyse betont daher die funktionale Differenz:
- Autoerotismus = Lustregulation und Aufbau einer ersten libidinösen Selbstbesetzung.
- Autismus = Schutz vor Überwältigung und Erhaltung eines minimalen psychischen Überlebensraums.
Diese Trennung verhindert Reduktionismen und ermöglicht eine differenzierte Betrachtung, die sowohl biologische als auch psychodynamische Dimensionen berücksichtigt.
### Fazit: Historische Nähe, funktionale Differenz
Der psychoanalytische Zusammenhang zwischen Autoerotismus und Autismus ist real, aber begrenzt. Er liegt in der gemeinsamen Verwurzelung in vorsprachlichen, selbstbezogenen Zuständen der frühesten Kindheit. Beide Konzepte verweisen auf die fundamentale Aufgabe des sich entwickelnden Selbst: sich inmitten von Trieben, Reizen und Beziehungen zu organisieren.
Autoerotismus reguliert Lust und Spannung und bereitet den Weg zur Objektbeziehung. Autistische Mechanismen schützen vor Angst und Fragmentierung und ermöglichen unter ungünstigen Bedingungen überhaupt erst ein psychisches Überleben. Die begriffsgeschichtliche Verknüpfung durch Freud und Bleuler erinnert uns daran, wie eng libidinöse und defensive Prozesse in der frühen Psyche miteinander verwoben sind – ohne dass daraus eine Identität der Phänomene abgeleitet werden dürfte.
In der heutigen Psychoanalyse dient diese Unterscheidung einer respektvollen und differenzierten Arbeit mit autistischen Menschen: Nicht als „Regression in den Autoerotismus“, sondern als Versuch, die spezifischen Schutz- und Regulationsbedürfnisse des fragilen Selbst zu verstehen und zu begleiten.
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Kurz gesagt: In der Psychoanalyse gelten Autoerotismus und Autismus als zwei unterschiedliche, aber historisch miteinander verknüpfte Konzepte, die beide auf sehr frühe Entwicklungsstufen des Selbst bezogen werden. Autoerotismus beschreibt frühe lustbesetzte Selbstbezüge, Autismus frühe Rückzugs- und Schutzmechanismen. Beide Begriffe wurden im 20. Jahrhundert zeitweise miteinander verwechselt, weil sie sich auf vorsprachliche, selbstbezogene Zustände beziehen. ---
🧩 1. Historischer Zusammenhang: Freud, Bleuler und die begriffliche Trennung • Freud prägte den Begriff Autoerotismus für die früheste Form kindlicher Sexualität, bei der das Kind Lust aus dem eigenen Körper bezieht, ohne ein äußeres Objekt einzubeziehen. • Bleuler übernahm das Wort autoerotic von Havelock Ellis, entfernte aber die sexuelle Dimension und formte daraus den Begriff Autismus. Damit bezeichnete er einen pathologischen Rückzug in die…