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die Geschichte der großen Unordnung

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 13. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Es begann damit, dass der Heilige Geist sich selbst vergessen hatte.

Niemand wusste genau, wann es geschehen war. Manche behaupteten, es sei nur ein kleiner Riss im Gefüge der Welt gewesen — ein Augenblick der Zerstreuung, ein verlorener Gedanke im Strom der Ewigkeit. Andere sagten, dies sei der eigentliche Ursprung aller späteren Verwirrung gewesen: dass der Geist, der Ordnung schaffen sollte, plötzlich seinen eigenen Ursprung nicht mehr erkannte.

Seit jener Zeit geriet alles durcheinander.

Die Richter saßen in ihren kalten Hallen und hörten dem Pobock zu, der mit fiebriger Stimme seine Wirklichkeit des Pobockens schilderte. Niemand verstand ganz, was er meinte, doch seine Worte hatten eine seltsame Wirkung. Sie krochen in die Köpfe der Zuhörer wie Nebel und verwandelten Unsicherheit in Verdacht. Der Pobock sprach von verborgenen Mächten, von Schuld, die wie Staub in den Kleidern der Menschen hänge, und von einer kommenden Ordnung, die alles reinigen würde.

Währenddessen zog jeden Morgen der Morgenschläfer mit seinem Schlafsack hinaus in den Naturpark. Bei Sonnenaufgang bestieg er schweigend den Sandberg, legte sich auf die steinerne Tafel am Gipfel und begann dort seinen Schlaf. Die Spaziergänger hielten ihn für verrückt, doch manche glaubten, er träume die Träume der Welt weiter, damit sie nicht ganz zerfalle.

In jenen Tagen lebten Elektra und ihr Ehemann Haimon zurückgezogen am Rand der Stadt. Haimon war ein Mann seltsamer Herkunft. Sein Großvater väterlicherseits trug den Namen Apollon, während mütterlicherseits Hermes durch seine Linie floss. In ihm vereinigten sich Ordnung und List, Licht und Bewegung. Vielleicht war gerade das sein Unglück.

Elektra beschützte ihre Mutter Klytämnestra mit beinahe fanatischer Treue. Sie glaubte, die alten Verbrechen der Familie könnten irgendwann ruhen, wenn nur endlich jemand aufhöre, neues Blut zu fordern. Doch das Schattenreich dachte anders.

Aus den verborgenen Gängen unter der Wirklichkeit begannen die Angriffe. Die Mächte des Schattenreiches imitierten die alten Bräuche, trugen Masken vergangener Zeiten und sprachen mit den Stimmen der Toten. Sie wollten Haimon und Antigone alles in die Schuhe schieben. Besonders Haimon sollte zum Schuldigen gemacht werden. Man plante sogar, ihm den Mord an Elektra anzulasten, obwohl sie noch lebte, als die ersten Gerüchte bereits die Straßen erfüllten.

Denn das Schattenreich wollte die Orestie beenden.

Nicht mit Versöhnung, sondern mit Erschöpfung. Die uralte Kette aus Schuld und Gegenschuld sollte in einem letzten großen Irrtum ersticken. Keine Reinigung, kein Gericht, keine Eumeniden mehr — nur noch Verwirrung.

Doch dann trat eine neue Wahrheit ans Licht.

Polyneikes, der Bruder Antigones, hatte heimlich die letzten Willenskundgebungen beeinflusst und gefälscht. Dokumente verschwanden, Siegel wurden nachgeahmt, Stimmen imitiert. Das Schattenreich unterstützte ihn dabei mit unsichtbaren Händen. Es liebte jede Form der Verdrehung, weil in ihr die Wirklichkeit langsam ihre Konturen verlor.

Klytämnestra selbst war längst zu einer rätselhaften Figur geworden. Viele erzählten von ihrem Hass auf Agamemnon, doch die Wahrheit war komplizierter. Nach ihrer ersten Hochzeit hatte sie Agamemnon heiß und innig geliebt. Die Urszene der Familie war vielleicht niemals so grauenvoll gewesen, wie die Tragödiendichter behaupteten. Orest liebte seine Mutter sogar zärtlich; sein eigentlicher Zwist galt dem Vater, dessen Schatten immer über dem Haus lag wie ein drohendes Gesetz.

Aber die alten Geschichten waren längst nicht mehr in den Händen der Lebenden.

Denn dann kamen die Handwerker aus dem Schattenreich.

Sie erschienen nachts mit Maurerkellen, Eisenhämmern und schwarzen Steinen. Sie wollten alle einmauern — nicht nur die Körper, sondern auch die Erinnerungen. Fenster wurden verschlossen, Türen zugemörtelt, Namen aus den Registern gelöscht. Ganze Familien verschwanden hinter Wänden aus Schweigen.

Und mitten in diesem Chaos erkannte man schließlich die Wahrheit über den Pobocker.

Er hatte gelogen.

Alles war ein Spiel gewesen, eine Falle, um Haimon hineinzulegen. Der Pobocker wollte zusammen mit seiner Horde eine neue Gesellschaftsordnung errichten — eine Ordnung ohne Erinnerung, ohne Schuld und ohne Wahrheit. Jeder sollte zugleich Richter und Angeklagter sein. Jeder Verdacht sollte genügen, um einen Menschen aus der Wirklichkeit zu entfernen.

Doch gerade in dem Moment, als die große Unordnung vollkommen schien, begann etwas anderes sichtbar zu werden.

Der Morgenschläfer erwachte auf dem Sandberg.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit erinnerte sich der Heilige Geist an seinen eigenen Namen.

2 Kommentare


Martin Döhring
Martin Döhring
20. Mai

Ich antworte dir jetzt aus der Logik dieses Textes selbst, also aus der inneren Mythologie, die ich dort erschaffen habe.

Und ich sage dir gleich: Die Auflösung der großen Unordnung ist bereits im Text angelegt.  Sie folgt einer klaren dramaturgischen, mythologischen und psychologischen Struktur.

⭐ 1. Die Unordnung beginnt, weil der Heilige Geist sich selbst vergisst

Das ist der Urfehler, der „kleine Riss im Gefüge der Welt“ Aktuelle Seite.

Mythologisch bedeutet das:

  • Das Prinzip der Ordnung verliert sein Selbstbewusstsein.

  • Das Zentrum vergisst sich selbst.

  • Die Welt verliert ihren inneren Bezugspunkt.

Freudianisch: Das Über-Ich kollabiert.

Nietzscheanisch: Der höchste Wert verliert seinen Wert.

Sophokleisch: Der Gott schweigt — und die Menschen fallen in Irrtum.

Die Unordnung ist also nicht Chaos, sondern Amnesie.

⭐…

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Martin Döhring
Martin Döhring
19. Mai

Martin Wilhelm Döhring

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              Fax 0211 475 5900

0211 475 2671

 AZ 24.01.01.03-A-Döh


Mainz, 28.Mai 2018


Sehr geehrte Damen und Herren,


ich nehme nochmals Bezug auf Ihr letztes Schreiben. Grundsätzlich widerspreche ich Ihnen in der Sache.


Technisch mache ich Sie darauf aufmerksam, dass Ihre Email und Fax Geräte öfters nicht funktionieren. Dies behindert die Kommunikation mit Ihnen.


Weiterhin gebe ich vorab zu bedenken, dass ein endgültiges Stilllegen meiner Approbation wahrscheinlich auch ein Ende meiner Schweigepflicht bewirken würde. Dies könnte eine Art “Erdbeben” verursachen.


Ich hatte Ihnen bereits bei meinem persönlichen Termin bei Ihnen in der Fischerstraße…


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