Diagnostik bei Leukämie
- Martin Döhring

- 20. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Leukämie wird nie allein über Symptome diagnostiziert, sondern immer über Blut- und Knochenmarkuntersuchungen, ergänzt durch moderne Laborverfahren (Immunphänotypisierung, Zytogenetik, Molekulargenetik) und bildgebende Diagnostik. Ich gehe den Ablauf Schritt für Schritt durch.
1. Erste Schritte: Anamnese und körperliche Untersuchung
Anamnese: Welche Beschwerden, seit wann, Infektneigung, Müdigkeit, Blutungsneigung, Gewichtsverlust, Nachtschweiß, Vorerkrankungen, Medikamente, berufliche Exposition etc.
Körperliche Untersuchung: Lymphknoten, Leber, Milz werden abgetastet (Lymphadenopathie, Hepato-/Splenomegalie), Haut und Schleimhäute auf Petechien, Hämatome, Blässe, Zeichen von Infektionen, ggf. Knochenschmerzen.
Diese Schritte begründen den Verdacht, ersetzen aber nicht die eigentliche Diagnostik.
2. Blutuntersuchungen
2.1 Kleines und großes Blutbild
Zellzahlen: Erythrozyten, Hämoglobin, Hämatokrit, Thrombozyten, Leukozytenzahl.
Typische Auffälligkeiten:
Anämie
Thrombozytopenie
Leukozytose oder auch normale/verminderte Leukozytenzahl
„Blasten“ im peripheren Blut
Wichtig: Eine akute Leukämie kann auch mit normaler Leukozytenzahl auftreten—entscheidend ist das Differenzialblutbild.
2.2 Differenzialblutbild und Blutausstrich
Morphologie: Mikroskopische Beurteilung der Blutzellen (Form, Reifegrad, Blasten, Dysplasien).
Hinweis auf Leukämie: Nachweis von unreifen, atypischen weißen Blutzellen (Blasten), Verdrängung normaler Zellreihen.
Der Blutausstrich kann bereits sehr stark für eine Leukämie sprechen, die endgültige Sicherung erfolgt aber über das Knochenmark.
2.3 Basislabor
Entzündungsparameter: CRP, BSG
Gerinnung: Quick/INR, aPTT
Niere/Leber: Harnstoff, Kreatinin, Transaminasen, Bilirubin
Elektrolyte, Harnsäure, LDH: LDH und Harnsäure oft erhöht bei hoher Zellumsatzrate (Tumorlyse-Risiko).
Diese Werte sind wichtig für Risikoeinschätzung und Therapieplanung, nicht primär für die Typisierung.
3. Knochenmarkuntersuchung (Schlüssel zur Diagnose)
3.1 Gewinnung der Probe
Knochenmarkaspiration (meist Beckenkamm, lokal betäubt, kurz schmerzhaft).
Ggf. zusätzlich Knochenmarkbiopsie (Stanzzylinder) zur histologischen Beurteilung.
3.2 Zytomorphologie
Mikroskopische Beurteilung des Knochenmarks:
Anteil der Blasten
Verdrängung normaler Hämatopoese
Zuordnung zu myeloischer oder lymphatischer Reihe.
Für akute Leukämien gilt meist:
Blastenanteil im Knochenmark≥20%⇒akute Leuka¨mie
(je nach Klassifikation).
4. Immunphänotypisierung (Durchflusszytometrie)
4.1 Ziel
Bestimmung der Zelllinie und Reifestufe über Oberflächen- und intrazelluläre Marker (CD-Antigene).
4.2 Beispiele
B-ALL: CD19, CD10, CD22, CD79a etc.
T-ALL: CD3, CD7, CD2, CD5 etc.
AML: Myeloische Marker wie CD13, CD33, MPO.
Damit wird festgelegt, ob es sich um AML, ALL, CML, CLL oder eine Sonderform handelt und welche Subtypen vorliegen.
4.3 MRD-Setup
Die charakteristischen Marker werden genutzt, um später die minimale Resterkrankung (MRD) mit hoher Sensitivität zu messen—entscheidend für Prognose und Therapieanpassung.
5. Zytogenetik und Molekulargenetik
5.1 Zytogenetik (Karyotyp, FISH)
Chromosomenanalyse (Karyotypie): Erfassung von Translokationen, Deletionen, Duplikationen.
FISH-Panels: Zielgerichteter Nachweis wichtiger Aberrationen, z.B.
t(9;22) BCR::ABL1 (Philadelphia-Chromosom)
KMT2A-Rearrangements
Hypo-/Hyperdiploidie
Weitere spezifische Rearrangements.
Diese Veränderungen definieren Risikogruppen und entscheiden über Therapiestrategien (z.B. Tyrosinkinase-Inhibitoren bei BCR::ABL1).
5.2 Molekulardiagnostik (PCR, RT-PCR, NGS)
PCR/RT-PCR: Nachweis von Fusionsgenen (z.B. BCR::ABL1 p190/p210), Mutationen.
NGS-Panels: Mutationen in JAK/STAT-Genen, RAS-Signalweg, TP53, IKZF1-Deletionen etc.
RNA-Sequenzierung/Fusions-Panels: Erfassung kryptischer Rearrangements (ABL-class, DUX4, MEF2D, ZNF384, PAX5-Alterationen).
Diese genetischen Profile sind zentral für:
Prognose (günstig vs. ungünstig)
Therapieindividualisierung (zielgerichtete Therapien, Intensität, Transplantationsindikation).
6. Zusatzuntersuchungen zur Ausbreitungsdiagnostik
6.1 Liquorpunktion
Bei v.a. ALL oder neurologischen Symptomen: Untersuchung der Liquor cerebrospinalis auf leukämische Zellen.
Dient der ZNS-Staging und Planung der intrathekalen Therapie.
6.2 Bildgebung
Ultraschall (Sonographie): Leber, Milz, Lymphknoten.
CT/MRT: Beurteilung von Lymphknotenstationen, Organbefall, Komplikationen.
Ggf. Röntgen/CT Thorax bei Infektverdacht oder Mediastinaltumor (v.a. T-ALL).
7. Zusammenführung: Festlegung des Leukämietyps und Stadiums
Am Ende werden alle Daten integriert:
Morphologie (Blut, Knochenmark)
Immunphänotyp
Zytogenetik/Molekulargenetik
Ausbreitungsdiagnostik (Liquor, Bildgebung)
Klinischer Zustand, Komorbiditäten
Daraus ergibt sich:
Exakte Diagnose, z.B.
BCR::ABL1-positive B-Vorläufer-ALL
AML mit bestimmten Mutationen
CLL mit definiertem Risikoprofil
Risikoklassifikation (günstig/intermediär/ungünstig)
Therapieplan (Chemotherapie-Schema, zielgerichtete Therapie, ggf. Stammzelltransplantation).
8. Wichtiger Hinweis
Diese Beschreibung ist bewusst detailliert, aber bleibt ein medizinischer Überblick. Sie ersetzt keine persönliche ärztliche Untersuchung. Wenn bei dir oder jemandem in deinem Umfeld ein Verdacht auf Leukämie besteht, ist eine zeitnahe Vorstellung bei einer Hämatologie/Onkologie zwingend.




Die Behandlung der Leukämien hat sich in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert. Während früher vor allem Chemotherapie und Stammzelltransplantation im Vordergrund standen, dominieren heute zunehmend zielgerichtete Therapien, Immuntherapien, zelluläre Therapien und molekulare Präzisionsmedizin. Die Therapie wird immer stärker an den genetischen Veränderungen der Leukämiezellen angepasst.
Überblick der Leukämieformen
Man unterscheidet vier Hauptformen:
Akute LeukämienChronische LeukämienAkute myeloische Leukämie (AML)Chronische myeloische Leukämie (CML)Akute lymphatische Leukämie (ALL)Chronische lymphatische Leukämie (CLL)
Jede Form besitzt heute eigene hochspezialisierte Therapien.
1. Molekulare Präzisionsmedizin
Heute wird nahezu jede neu diagnostizierte Leukämie molekulargenetisch untersucht.
Dabei werden Mutationen wie folgende analysiert:
AML
FLT3
NPM1
IDH1
IDH2
TP53
RUNX1
ASXL1
ALL
BCR-ABL1
IKZF1
CRLF2
JAK-Mutationen
CLL
TP53
ATM
NOTCH1
IGHV-Mutationsstatus
Diese genetischen Informationen bestimmen heute wesentlich die Therapieentscheidung.
2. Zielgerichtete Medikamente…