Deutschland als „unaufgearbeitet traumatisiertes Kollektiv“
- Martin Döhring

- 17. Okt. 2018
- 3 Min. Lesezeit
Sigmund Freud hätte sich nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und vermutlich auch des Stalinismus wahrscheinlich kein „ideologisches“ Deutschland gewünscht, sondern ein psychologisch reifes Deutschland — ein Land, das seine destruktiven Triebkräfte kennt, statt sie kollektiv zu verdrängen.
Freud war zutiefst skeptisch gegenüber:
Massenbewegungen,
Heilslehren,
Führerkult,
religiöser oder politischer Erlösungssehnsucht,
und der Illusion, der Mensch könne vollständig vernünftig oder moralisch werden.
Gerade nach Zweiter Weltkrieg und den totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts hätte Freud vermutlich gesagt:
Die größte Gefahr liegt nicht im „Bösen des Anderen“, sondern in der Fähigkeit der Masse, das eigene Unbewusste auf Feindbilder zu projizieren.
1. Freud hätte Deutschland vermutlich als „unaufgearbeitet traumatisiertes Kollektiv“ gesehen
Freud dachte historisch.
Er hätte Nationalsozialismus wahrscheinlich nicht nur politisch, sondern tiefenpsychologisch verstanden:
narzisstische Kränkung nach dem Ersten Weltkrieg,
kollektive Demütigung,
autoritäre Vatersehnsucht,
Verschmelzung in der Masse,
Projektion des eigenen Schattens auf Minderheiten.
In seiner Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse beschreibt Freud bereits früh, wie Individuen in Massen:
ihr kritisches Ich schwächen,
Verantwortung abgeben,
sich emotional identifizieren,
und aggressionsfähig werden.
Hitler wäre für Freud vermutlich Ausdruck einer pathologischen Verschmelzung von:
Führerfigur,
Vaterersatz,
kollektivem Narzissmus,
und verdrängter Aggression gewesen.
2. Auch Kommunismus hätte Freud misstraut
Freud war keineswegs konservativ im einfachen Sinn, aber er misstraute jeder Utopie, die glaubte:
Der Mensch könne durch ein perfektes System von seinen inneren Konflikten erlöst werden.
In Das Unbehagen in der Kultur argumentiert Freud:
Kultur beruht immer auf Triebverzicht.
Aggression verschwindet nie.
Schuld und Konflikt sind Grundbestandteile menschlicher Existenz.
Deshalb hätte Freud vermutlich sowohl:
den nationalsozialistischen Volkskörper,
als auch
die kommunistische Klassenutopie
als kollektive Fantasien vollständiger Harmonie interpretiert.
Beide Systeme versprachen:
Erlösung,
Einheit,
Sinn,
Aufhebung innerer Widersprüche.
Und genau solchen totalen Lösungen misstraute Freud zutiefst.
3. Wie sähe ein „freudianisches Deutschland“ aus?
Wahrscheinlich nicht ideologisch „links“ oder „rechts“, sondern psychologisch selbstreflexiv.
Freud hätte vermutlich folgende Elemente betont:
A. Skepsis gegenüber Massenidentitäten
Ein gesundes Gemeinwesen müsste:
Individualität stärken,
Ambivalenz aushalten,
Widersprüche zulassen,
Fanatismus begrenzen.
Freud wusste: Menschen sehnen sich nach:
Autorität,
Verschmelzung,
einfachen Wahrheiten.
Darum hätte er vermutlich dauernde demokratische Selbstkritik gefordert.
B. Erinnerung statt Verdrängung
Psychoanalyse bedeutet:
Das Verdrängte kehrt wieder.
Freud hätte wahrscheinlich gefordert:
historische Aufarbeitung,
Bewusstmachung kollektiver Schuld,
offene Auseinandersetzung mit Gewalt,
statt nationalistischer Mythenbildung.
Denn verdrängte Schuld verwandelt sich psychoanalytisch oft in:
Projektion,
Paranoia,
Aggression,
Wiederholungszwang.
C. Keine Erlösungsutopien
Freud war anti-utopisch.
Er hätte vermutlich vor jeder Bewegung gewarnt, die behauptet:
alle Konflikte lösen zu können,
absolute Gerechtigkeit herzustellen,
„den neuen Menschen“ zu erschaffen.
Denn genau dort beginnt für Freud oft der Totalitarismus.
D. Stärkung des Ichs
Das Ziel der Psychoanalyse ist nicht Glück im religiösen Sinn, sondern:
Bewusstheit,
Realitätsfähigkeit,
Affektregulation,
Fähigkeit zur Selbstkritik.
Ein freudianisches Deutschland wäre also vielleicht:
weniger moralistisch,
weniger hysterisch,
weniger identitätsbesessen,
aber dafür psychologisch ehrlicher.
4. Freud und moderne deutsche Kultur
Freud hätte vermutlich ambivalent auf das heutige Deutschland geblickt.
Er hätte möglicherweise positiv gesehen:
die Erinnerungskultur,
die Skepsis gegenüber Militarismus,
demokratische Institutionen,
psychologische Sensibilität.
Aber zugleich hätte er wahrscheinlich kritisiert:
moralische Überkompensation,
Angst vor Konflikt,
kollektive Schuldneurosen,
Ersatzreligionen der Ideologie,
digitale Massenmoral,
neue Formen symbolischer Reinheit.
Freud misstraute immer dort, wo Moral zur Identitätsperformance wird.
5. Was Freud vermutlich als wichtigste Lehre gesehen hätte
Nicht:
„Der Mensch ist gut.“
Und auch nicht:
„Der Mensch ist böse.“
Sondern:
Der Mensch ist innerlich konflikthaft, ambivalent und zur Selbsttäuschung fähig.
Darum braucht eine freie Gesellschaft:
keine perfekten Menschen,
sondern Institutionen, die verhindern, dass kollektive Neurosen absolute Macht erhalten.
Das wäre wahrscheinlich Freuds eigentliche politische Lehre aus dem 20. Jahrhundert gewesen.



Es wird auch zukünftig Deutsche geben. Ich hoffe , zukünftigen Deutschen wird auch ausreichend Bildung und Kenntnis der jüngeren Geschichte Deutschlands mitgegeben.