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der Gerade-Rücken (euthyne)

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 22. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ... alle Rechte vorbehalten ...
... copyright by martin wilhelm döhring ... alle Rechte vorbehalten ...

Mitunter kommt die Wahrheit nicht mit einem lauten Knall, sondern leise, gleichsam mit Taubenschlägen, in die Welt. So geht das Wort um: Seele als Erinnerung an sich selbst (Anamnesis)

Bei einsetzendem Tageslicht wird aber auch der Blick auf grausliches möglich. Der ungeheure Verdacht: Der Heilige Geist hat sich selbst vergessen und das Ergebnis ist Verwirrung und Unordnung.

Wenn nun vermutet oder spekuliert wird, aus vielen einzelnen Seelen bilde sich eine gemeinsame Gruppenseele, dann könnte man diese als den „Heiligen Geist“ bezeichnen. Doch was geschieht, wenn sich dieser Geist seiner selbst nicht mehr erinnert?

Man darf annehmen, dass zu den unangenehmen Nebenwirkungen dieser sagenhaften Gestalt auch die kollektive Verdrängung gehört – als Bestandteil einer „gemeinschaftlichen Seele“. Das Unbewusste, der „Schattenchor“, wächst. An diesem Wachstum beteiligt ist auch die Verklärung. Und die Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner in den Demenzheimen steigt, als hätte der Schattenchor diese entwaffneten Seelen in Geiselhaft genommen.

Ja, richtig: Man nennt es Verwirrung. Das Erwachsenen-Ich hat sich durch Identifikation mit dem Täter entmündigen lassen. Einer mutigen Seele wäre dies nicht widerfahren.

Und was ist mit Dissoziation oder Desintegration als Folge eines verblödeten, pseudo-gesellschaftlichen Selbstbetrugs?

Mein Gedankengang verbindet mehrere Ebenen miteinander: religiöse Symbolik, Tiefenpsychologie, Sozialphilosophie und eine radikale Kritik an kollektivem Verhalten. Dabei entsteht ein Bild der „Seele“ nicht als individueller Besitz, sondern als Erinnerungsstruktur — als Fähigkeit eines Menschen oder eines Kollektivs, sich selbst wahrhaftig zu erkennen.

Wenn diese Erinnerung zerfällt, entsteht das, was ich als „Schattenchor“ beschreibe. Dies auch und gerade in Anspielung auf die Funktion des Chors in antiken Tragödien des Sophokles.


Verwirrung: Aus Sicht von Carl Gustav Jung wäre das der Moment, in dem verdrängte Inhalte nicht mehr individuell getragen werden, sondern kollektiv wirken. Der Schatten wird dann nicht mehr bewusst integriert, sondern auf andere projiziert. Gesellschaften beginnen dann, ihre eigene Schuld, Feigheit oder Korruption auszulagern. Das erzeugt die paradoxe Situation, dass Menschen weiterhin von Moral sprechen, während sie gleichzeitig Systeme tolerieren, die dieser Moral widersprechen.


Unordnung als Folge: Der „heilige Geist“ erscheint in meiner Metapher deshalb nicht als Trostfigur, sondern als gefährdete kollektive Bewusstseinsform. Wenn eine gemeinschaftliche Seele sich selbst vergisst, entsteht nicht Einheit, sondern Regression:

  • Identität wird durch Konformität ersetzt.

  • Verantwortung wird an Institutionen delegiert.

  • Wahrheit wird durch Verklärung ersetzt.

  • Gewissen wird durch Gruppenzugehörigkeit ersetzt.

Das erinnert stark an das, was Sigmund Freud in Massenpsychologie und Ich-Analyse beschreibt: Das Individuum verliert in der Masse Teile seiner Ich-Funktion. Das Über-Ich (pervertiertes Eltern-Ich der Moral) wird nach außen verlagert — auf Führer, Institutionen, Ideologien oder kollektive Narrative. Dadurch sinkt die Fähigkeit zur Selbstprüfung.

Mein Begriff der „Entmündigung durch Identifikation mit dem Täter“ geht noch weiter. Psychologisch meint das: Ein Mensch übernimmt unbewusst die Denk- und Wahrnehmungsstruktur jener Macht, die ihn verletzt oder einschüchtert. Er verteidigt dann sogar das System, das ihn verletzt. Genau dort entsteht Dissoziation (Spaltung und Desintegration, gemeint Selbstauflösung): Das eigene moralische Empfinden wird abgespalten, damit die Zugehörigkeit zur Horde erhalten bleibt.

Der Begriff „Horde“ hat dabei eine archaische Bedeutung. Nicht Gemeinschaft im humanistischen Sinn, sondern Rückkehr zu einem vorindividuellen Zustand:

  • Sicherheit durch Gehorsam,

  • Identität durch Anpassung,

  • Schuldvermeidung durch Mitläufertum.

Aus dieser Perspektive wären Korruption, gefälschte Gutachten oder institutionelle Rechtsbrüche nicht bloß juristische Delikte, sondern Symptome einer tieferen psychischen Struktur: einer kollektiven Spaltung zwischen öffentlichem Ideal und tatsächlichem Handeln.


Dabei ist wichtig zu unterscheiden, die Verantwortung: Nicht jede Institution ist korrupt, nicht jede Gemeinschaft ist „Horde“, und reale gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht vollständig auf ein einziges metaphysisches Prinzip reduzieren. Aber philosophisch betrachtet formuliere ich eine Kritik daran, was geschieht, wenn Menschen ihr eigenes Urteil dauerhaft an Kollektive delegieren.

Dann wächst der „Schattenchor“: nicht als mystische Macht, sondern als Summe verdrängter Verantwortung.


Und Demenz (Verwirrung) erhält in meiner Allegorie eine symbolische Bedeutung: nicht nur biologisches Vergessen, sondern kulturelles Vergessen —eine Gesellschaft, die sich nicht mehr erinnern will, wer sie einmal sein wollte.

Als besonders perverse Steigerung und oder Erhöhung auf einen Klimax, einen imaginären Höhepunkt, hin, wäre durch das Austauschen der Erzählungen (Narrative) auch die volle Triebumkehr von Libido (Lust) in Thanatos (Todestrieb) denkbar, als ein „Orgasmus aus Hass“ im Sinne eines Kataklysma („Weltenbrand“).


Und wenn nun die Hysterie zur Furie wird, auf der Flucht vor dem eigenen Schatten, und mit dieser Haltung zum tragenden Prinzip eines Machtfundamentes wird?


Und wie entscheiden sich die Seelenkundler und Schattenforscher, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen, welche Uniform sie tragen wollen?


Tageslicht zur Mittagszeit: Wie ist das Ansinnen zu werten, den eigenen Schatten umbringen zu wollen?


Befremden: Das neue Opium des Volkes, abgesungene Hymnen auf die Demokratie als Verklärung bei jeder neuen Schandtat; dies macht das Gemüt unruhig. Empfindungslage so, als singt die Gemeinde bei der Trauerfeier und Beisetzung „Großer Gott, wir loben Dich!“

Das Ende der Illusion und Einbildung, der Große Austritt aus der Horde, kann mit dem Satz „Ich bin nicht Du“, eingeleitet werden. Allerdings bedeutet dieser Schritt die Übernahme von Verantwortung. Der Gerade-Rücken, Verantwortung als Haltung. Griechisch: Euthyne.

Stand und Haltung: Nicht alle lassen sich beugen!

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