Depression - Diagnostik und Behandlung
- Martin Döhring

- 21. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Die Depression (Major Depression, depressive Episode) ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen. Sie ist keine bloße Niedergeschlagenheit, sondern eine komplexe Erkrankung, bei der biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenwirken. Moderne Behandlungskonzepte kombinieren Psychotherapie, Medikamente und – bei Bedarf – weitere biologische Verfahren.
1. Diagnostik
A. Anamnese
Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch. Dabei werden unter anderem erfasst:
gedrückte Stimmung
Interessenverlust
Freudlosigkeit (Anhedonie)
verminderter Antrieb
Schlafstörungen
Appetit- oder Gewichtsveränderungen
Konzentrationsstörungen
Schuldgefühle
Hoffnungslosigkeit
Suizidgedanken oder Suizidabsichten
Außerdem wird nach früheren depressiven Episoden, manischen Phasen (zum Ausschluss einer bipolaren Störung), Medikamenten und körperlichen Erkrankungen gefragt.
B. Diagnostische Kriterien
Nach den internationalen Klassifikationssystemen (ICD-11 oder DSM-5) müssen die Symptome über mindestens zwei Wochen bestehen und das tägliche Leben deutlich beeinträchtigen.
Zu den Kernsymptomen gehören:
depressive Stimmung
Interessenverlust
verminderter Antrieb oder erhöhte Ermüdbarkeit
Hinzu kommen häufig:
Konzentrationsstörungen
vermindertes Selbstwertgefühl
Schuldgefühle
pessimistische Zukunftsperspektiven
Schlafstörungen
Appetitveränderungen
Suizidgedanken
Je nach Anzahl und Schwere der Symptome wird die Episode als leicht, mittelgradig oder schwer eingestuft.
C. Körperliche Untersuchung
Da körperliche Erkrankungen ähnliche Beschwerden verursachen können, erfolgt eine allgemeine Untersuchung.
Beispielsweise werden beurteilt:
neurologischer Status
Herz-Kreislauf-System
Gewicht
Blutdruck
D. Laboruntersuchungen
Laborwerte helfen, behandelbare Ursachen auszuschließen.
Typische Untersuchungen sind:
Blutbild
Elektrolyte
Leberwerte
Nierenwerte
Blutzucker
Vitamin B12
Folsäure
Ferritin (bei Verdacht auf Eisenmangel)
TSH (Schilddrüsenfunktion)
Je nach Situation können weitere Hormon- oder Entzündungswerte sinnvoll sein.
E. Psychometrische Tests
Zur objektiveren Einschätzung werden standardisierte Fragebögen eingesetzt.
Beispiele:
PHQ-9
Beck Depression Inventory (BDI-II)
Hamilton Depression Rating Scale (HAM-D)
Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS)
Sie unterstützen die Verlaufskontrolle, ersetzen aber nicht das ärztliche Gespräch.
F. Differenzialdiagnostik
Vor Therapiebeginn muss geklärt werden, ob andere Erkrankungen vorliegen.
Wichtige Differenzialdiagnosen sind:
bipolare Störung
Angststörungen
Anpassungsstörung
Demenz
Suchterkrankungen
Schilddrüsenerkrankungen
Parkinson-Krankheit
Schlafstörungen
Medikamentennebenwirkungen
G. Bildgebung
CT oder MRT des Gehirns gehören nicht zur Routinediagnostik einer Depression.
Sie werden durchgeführt, wenn Hinweise auf eine neurologische Ursache bestehen, beispielsweise:
neu aufgetretene neurologische Ausfälle
Krampfanfälle
rasche kognitive Verschlechterung
Verdacht auf Tumor oder Schlaganfall
2. Therapie
Die Behandlung richtet sich nach Schweregrad, Dauer der Erkrankung und individuellen Bedürfnissen.
A. Psychoedukation
Zu Beginn werden Patientinnen und Patienten über die Erkrankung informiert.
Dies umfasst:
Krankheitsverständnis
Behandlungsoptionen
Rückfallprophylaxe
Bedeutung regelmäßiger Medikamenteneinnahme (falls verordnet)
B. Psychotherapie
Sie ist eine zentrale Säule der Behandlung.
Gut untersuchte Verfahren sind:
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Sie hilft,
negative Denkmuster zu erkennen,
belastende Verhaltensweisen zu verändern,
Aktivitäten schrittweise wieder aufzubauen.
Interpersonelle Psychotherapie (IPT)
Sie konzentriert sich auf:
zwischenmenschliche Konflikte
Trauer
Rollenwechsel
soziale Beziehungen
Psychodynamische Verfahren
Hier werden unbewusste Konflikte und Beziehungsmuster bearbeitet.
C. Medikamentöse Therapie
Antidepressiva werden vor allem bei mittelgradigen bis schweren Depressionen empfohlen.
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
Beispiele:
Sertralin
Escitalopram
Citalopram
Fluoxetin
Sie erhöhen die Verfügbarkeit von Serotonin im synaptischen Spalt.
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)
Beispiele:
Venlafaxin
Duloxetin
Sie beeinflussen sowohl Serotonin als auch Noradrenalin.
Weitere Antidepressiva
Je nach Symptomprofil kommen unter anderem infrage:
Mirtazapin
Bupropion
Agomelatin
Vortioxetin
Die Auswahl richtet sich nach Wirksamkeit, Begleiterkrankungen, Nebenwirkungen und individuellen Bedürfnissen.
D. Behandlung therapieresistenter Depression
Wenn mehrere Behandlungsversuche nicht ausreichend helfen, stehen weitere Möglichkeiten zur Verfügung.
Medikamentenaugmentation
Zusätzlich zu einem Antidepressivum können in ausgewählten Fällen eingesetzt werden:
Lithium
bestimmte atypische Antipsychotika (z. B. Aripiprazol, Quetiapin)
andere evidenzbasierte Strategien
Esketamin
Intranasales Esketamin ist für bestimmte Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Depression zugelassen und wird unter ärztlicher Überwachung angewendet.
E. Elektrokonvulsionstherapie (EKT)
Die EKT gehört zu den wirksamsten Verfahren bei:
schwerer Depression
psychotischer Depression
katatoner Depression
akuter Suizidalität
fehlendem Ansprechen auf Medikamente
Unter Kurznarkose wird ein kontrollierter kurzer Krampfanfall ausgelöst, der bei vielen Betroffenen zu einer deutlichen Besserung führt.
F. Weitere neuromodulatorische Verfahren
Je nach Verfügbarkeit und Indikation können eingesetzt werden:
repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS)
transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS; Evidenz geringer)
Vagusnervstimulation (für ausgewählte Fälle)
G. Lebensstil und unterstützende Maßnahmen
Diese ersetzen keine Behandlung, können sie aber sinnvoll ergänzen.
Dazu gehören:
regelmäßige körperliche Aktivität
strukturierter Tagesablauf
ausreichend Schlaf
soziale Unterstützung
ausgewogene Ernährung
Reduktion von Alkohol und Drogen
H. Suizidalität
Bei jeder Depression muss das Suizidrisiko aktiv angesprochen und eingeschätzt werden.
Warnzeichen können sein:
konkrete Suizidgedanken
Suizidpläne
frühere Suizidversuche
starke Hoffnungslosigkeit
Bei akuter Eigengefährdung ist eine sofortige psychiatrische Behandlung, gegebenenfalls auch stationär, erforderlich.
3. Verlauf und Rückfallprophylaxe
Nach einer erfolgreichen Behandlung ist es wichtig, Rückfällen vorzubeugen.
Dazu gehören:
Fortführung der Medikation über die empfohlene Dauer (je nach Verlauf oft mindestens 6–12 Monate nach Remission, bei wiederholten Episoden länger)
Fortsetzung oder Auffrischung der Psychotherapie
Erkennen individueller Frühwarnzeichen
regelmäßige ärztliche Kontrollen
Behandlung von Begleiterkrankungen
Zusammenfassung
Die Diagnostik einer Depression basiert auf einem gründlichen klinischen Gespräch, standardisierten Diagnosekriterien, körperlicher Untersuchung und gezielten Laboruntersuchungen zum Ausschluss anderer Ursachen. Ergänzend können Fragebögen eingesetzt werden; Bildgebung ist nur bei entsprechender Indikation erforderlich.
Die Therapie richtet sich nach Schweregrad und individueller Situation. Leichte Depressionen werden häufig zunächst psychotherapeutisch behandelt, während bei mittelgradigen bis schweren Depressionen oft eine Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva empfohlen wird. Bei unzureichendem Ansprechen stehen Strategien wie Lithium-Augmentation, Esketamin, Elektrokonvulsionstherapie (EKT) oder repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) zur Verfügung. Ergänzende Maßnahmen wie Bewegung, Schlafhygiene und soziale Unterstützung tragen ebenfalls zur Genesung und Rückfallprophylaxe bei.


**Optimale Behandlung einer Depression heutzutage (Stand 2026)**
Die Behandlung richtet sich nach der **Schwere der Depression** (leicht, mittel, schwer) und ob sie bereits wiederkehrend ist. Die Grundlage bilden die deutsche **Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression** (gültig bis 2027) und internationale Empfehlungen.
### 1. Grundprinzipien der optimalen Behandlung
- **Individuelle, gestufte Therapie** (stepped care)
- **Kombination aus Psychotherapie + Medikation** ist bei mittelschweren bis schweren Depressionen meist **deutlich wirksamer** als eine Methode allein.
- Früher Beginn der Behandlung verbessert die Prognose erheblich.
- Regelmäßige Verlaufsbeurteilung (z. B. mit Fragebögen wie PHQ-9).
- Behandlung von Begleiterkrankungen (Angststörungen, Schlafstörungen, Sucht etc.).
### 2. Stufentherapie nach Schweregrad
**Leichte Depression:**
- Zuerst **niedrigschwellige Angebote**: Beratung, Selbsthilfe-Programme, Online-Therapie (z. B. deprexis, iFightDepression), Sport, Lichttherapie.
- Bei…