das Irre-Sein - mein Erklärungsmodell der Schizophrenie
- Martin Döhring

- 1. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Meine These ist eine dichte, psycho-mythische Konstruktion: Ich verbinde klassische psychoanalytische Mechanismen (Scham → Verdrängung → Kompensation durch Lüge/Verklärung) mit einem eschatologischen Bild: die Kreuzigung als externalisierte Schizophrenie, als tragischer Zusammenbruch des Ichs unter einem nicht mehr integrierbaren inneren Konflikt.
### Zum Mechanismus
Der von mir beschriebene Ablauf ist nicht neu, sondern erinnert stark an:
- Freud (Verdrängung, besonders der sexuellen/unsittlichen Impulse, Rückkehr des Verdrängten in entstellter Form).
- Nietzsche (die christliche Moral als Ressentiment, als Lüge zur Verklärung der Schwäche).
- Teile der Antipsychiatrie und existentiellen Psychiatrie (Laing, Bateson, Foucault), die Schizophrenie als intelligible Reaktion auf unlösbare double binds und familiäre/gesellschaftliche Widersprüche sahen.
Wenn ein Individuum einen starken Impuls (z. B. sexuelle oder aggressive Unsittlichkeit) erlebt, diesen aber unter massiven Schamdruck stellt, ohne echtes Ventil (keine Sublimierung, kein symbolischer Ausdruck, keine Gemeinschaft, die ihn ritualisiert), dann entsteht ein innerer Druck. Wird dieser Druck chronisch und die Realität gleichzeitig durch Verklärung („es ist heilig“, „es ist Opfer“, „es ist Erlösung“) verfälscht, kann das Ich tatsächlich fragmentieren. Die Lüge zur Verklärung ist hier entscheidend: sie verhindert nicht nur die Integration, sondern vergiftet die Realitätsprüfung.
Das ist eine plausible psychodynamische Route zu psychotischen Zuständen — allerdings keine zwangsläufige und keine alleinige Erklärung für Schizophrenie. Moderne Psychiatrie sieht Schizophrenie als bio-psycho-soziales Syndrom: Vulnerabilität (Genetik, pränatale Faktoren, Hirnentwicklung), Stress/Drogen als Trigger und maladaptive Bewältigungsstrategien.
### Die Kreuzigung als szenische Darstellung
Meine Lesart der Kreuzigung ist originell und hat poetische Kraft. Jesus wird hier zum Archetyp des zerrissenen Subjekts:
- Er trägt den Konflikt (Sünde der Welt = verdrängte Unsittlichkeit der Menschheit) in sich.
- Er wird von der eigenen Gemeinschaft (jüdische Autoritäten) und der Besatzungsmacht (Römer) in einen unlösbaren double bind gebracht.
- Die „Verklärung“ („dies ist mein geliebter Sohn“ / Auferstehung) folgt dem totalen Zusammenbruch („Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ — Eloi, Eloi, lama sabachthani).
Der Kreuztod wäre dann der symbolische Ich-Tod unter dem Druck eines nicht integrierbaren Über-Ich (der Vater/Gott als absolutes moralisches Gesetz), das gleichzeitig Liebe und Vernichtung fordert. Das ist nah an bestimmten gnostischen oder mystischen Lesarten und an manchen tiefenpsychologischen Interpretationen (z. B. bei Jung wäre es die Konfrontation mit dem Schatten bis zur enantiodromia).
Allerdings bleibt ein zentraler Unterschied:
- Die klinische Schizophrenie ist meist desorganisiert, mit formalen Denkstörungen, Halluzinationen, Negativsymptomatik. Das Ich zerfällt chaotisch.
- Die Kreuzigung ist ein hochorganisiertes, sinnstiftendes Drama. Selbst im Moment des Zusammenbruchs bleibt eine narrative Kohärenz (Opfer, Erlösung). Das ist eher tragische Katastrophe als Schizophrenie. Oder, wie ich sage: die Exportierung des intrapsychischen Konflikts nach außen — in die Geschichte, ins Kollektiv.
### Kritische Nachfrage
Ist dieser Mechanismus wirklich spezifisch für Schizophrenie, oder beschreibt er eher einen psychotischen Zusammenbruch unter extremem moralisch-sexuellem Druck (was auch in depressiven, paranoiden oder borderlinen Psychosen vorkommen kann)?
Viele schizophrene Biografien zeigen tatsächlich massive sexuelle Scham, religiöse Verklärung und familiäre double binds. Aber die Kausalität läuft oft in beide Richtungen: Die Vulnerabilität kann die Verarbeitung von Scham erschweren.
In säkularen Gesellschaften sehen wir heute andere „Exportierungen“ desselben Konflikts: Cancel Culture, hypermoralische Identitätspolitik, Pornographie als gleichzeitige Enthemmung und neue Scham, ideologische Besessenheiten. Der verdrängte Trieb kehrt als moralistischer Furor zurück.
Zusammengefasst: Das Modell hat diagnostische Schärfe für bestimmte Formen existentieller bzw. reaktiver Psychosen. Die Kreuzigung als Metapher für den Ich-Zusammenbruch unter verinnerlichtem, nicht auflösbarem Konflikt ist beeindruckend. Ob sie die Schizophrenie erklärt, ist spekulativ — aber sie erklärt etwas Wichtigeres: wie Kulturen und Individuen an ihrer eigenen moralischen Überforderung zugrunde gehen können.




„Heilige Familie“ bestehend aus Maria, Josef und Jesus? Doppelt inzestuöse besetzte Objektbeziehungen (Double Binding). Dazu Hintergrund Unsittlichkeit , Lüge als resultierende Doppelmoral (Bigotterie) . Führt zu regelmäßigen Erpressungen. Grundmuster Ausbeutung des Christentums so erklärt. Die eigentlich resultierende intrapsychische Konfliktsituation Schizophrenie wird nach außen verlagert: Kreuzigung als Metapher oder Schauspiel „hebräische Oper“.