das andauernde Dorf der Zeugen der letzten Tage
- Martin Döhring

- 13. Mai
- 4 Min. Lesezeit

Ellepobravo war kein gewöhnliches Dorf. Bereits am Ortseingang stand ein Schild:
„Willkommen in Ellepobravo – bitte verwirren Sie sich ordentlich.“
Darunter hatte jemand mit Filzstift ergänzt:
„Der Pobock bestraft von hinten.“
Niemand wusste genau, was das bedeutete, aber alle verhielten sich vorsichtshalber merkwürdig.
Simone arbeitete in der Bankfiliale des Dorfes. Dort verkaufte sie Schuhe zwischen den Sparbüchern und den Kreditanträgen.
„Diese Halbschuhe gibt es heute mit sechs Prozent Zinsen“, erklärte sie einer alten Dame.
„Und was kosten die?“
„Nur Ihre Würde und ein Bausparvertrag.“
Simone ging „wie geschnitten Brot“, wie die Leute sagten. Niemand wusste ebenfalls, was das bedeutete, aber sie lief tatsächlich etwas schräg und sehr entschlossen, als würde sie gleich paniert und in Butter gebraten werden.
Ihr Mann Martin saß derweil auf dem Friedhof und spielte mit seinem Smartphone.
Er war offiziell Totengräber für Fremde.
„Verwandte begrabe ich nicht“, erklärte er streng. „Sonst wird das privat.“
Dabei scrollte er stundenlang durch Wetter-Apps, Katzenvideos und Regenradare, bis manche Kinder im Dorf begannen, das Smartphone für eine religiöse Gottheit zu halten.
Einige wurden dadurch Eigenbrötler und lebten in Regentonnen.
Andere führten Regenzauber auf wie kleine Indianer.
Und wieder andere wurden zu echten Zappelphilippen. Sie begannen gleichzeitig Geige zu spielen, Kartoffeln zu schälen und rückwärts zu hüpfen.
So war eben der Alltag in Ellepobravo, dem andauernden Dorf der Zeugen der letzten Tage.
Der Pobock herrschte dort mit einer Mischung aus Bürokratie, Wahnsinn und schlechter Körperhaltung.
Er wohnte im ehemaligen Feuerwehrhaus und sprach nur durch ein Megafon:
„ORDNUNG IST DIE VERWIRRUNG MIT STEMPEL!“
Wenn ihm langweilig wurde, bestrafte er Leute „von hinten“, weshalb sämtliche Dorfbewohner grundsätzlich misstrauisch an Wänden entlangliefen.
Im Pfarrhaus wohnte der Pfarrer mit Frau Loch, seiner ehemaligen Haushaltshilfe.
Eigentlich hatte der Pfarrer früher Religionsunterricht gegeben. Irgendwann aber war er auf Schweinezucht umgestiegen.
„Kinder“, sagte er mit ernster Stimme, „heute lernen wir das Balzverhalten des Ebers.“
Dann malte er äußerst unangenehme Diagramme an die Tafel.
Kurz darauf heiratete er Frau Loch.
Frau Loch war eine Frau, die grundsätzlich nichts sauber machte. Sie bezeichnete Staub als „historische Oberfläche“.
Im Pfarrhaus lebte außerdem die alte Kreuzspinne.
Die Kreuzspinne war hochgebildet und saß den ganzen Tag unter dem Kruzifix.
„Unter Kreuzen spinnt es sich am besten“, erklärte sie philosophisch.
Niemand widersprach einer sprechenden Spinne.
Währenddessen lebten die beiden berühmten Schlangen der Region streng getrennt:
Die Äskulapnatter wohnte in Frauenstein.
Die Kreuzotter in Schlangenbad.
Doch nachts trafen sie sich heimlich am Dorfteich und paarten sich unter behördlicher Aufsicht.
Dafür hatte die Gemeinde extra Erklärungstafeln aufgestellt:
„Bitte unterscheiden Sie zwischen Giftschlange und Loch-Nässt-Ungeheuer.“
Das Ungeheuer von Loch nässt lebte nämlich ebenfalls im Dorfteich und sah aus wie eine Mischung aus Aal, Gartenschlauch und beleidigter Schwiegermutter.
Wotan wiederum saß oft mit seiner Walküre im Kneippsaal und blies gewaltige Opium- und Haschwolken in die Luft.
„Verwirrung ist wichtig“, sagte Wotan ernst und hämmerte anschließend mit nacktem Oberkörper Blitze des Zeus auf seinem Amboss.
Jedes Mal fiel dabei irgendwo im Dorf der Strom aus.
Zeus selbst vermietete zusammen mit der Ewigen Kaiserin Zita Wohnungen.
Vor allem an Adam.
Adam war inzwischen alt, hatte schwere Beine und bewegte sich nur noch mit dem Tempo einer beleidigten Schildkröte.
„Früher“, murmelte er oft, „war hier mehr Familienleben.“
Niemand wollte genauer nachfragen.
Kaiserin Zita dagegen schimpfte ständig über ihre Waschmaschine.
„Schon wieder ausgelaufen! Diese Flecken gehen niemals raus! Niemals!“
Dabei zeigte sie tragisch auf Bettwäsche, die aussah wie moderne expressionistische Kunst.
Eva, Adams Frau, lebte inzwischen in Düsseldorf und unterrichtete Latein.
Sie hasste Menschen, Friedhöfe und wahrscheinlich auch Sauerstoff.
Dafür besaß sie sechsundzwanzig Garagen und vier Mietshäuser.
„Das Studium war unter meinem Niveau“, behauptete sie regelmäßig, obwohl sie durch jede Prüfung gefallen war.
Der Sohn Kain saß lebenslänglich im Gefängnis.
Vorher hatte er mit magischen Kugeln zwei Löcher in einen Wasserfall geschossen.
Seitdem vervierfachten sich dort die schönen Frauen auf unerklärliche Weise.
Die Dorfbevölkerung war begeistert und setzte ihm eine Lorbeerkrone auf.
„Wissenschaft!“, rief der Professor stolz.
Dann brach die große Unordnung aus.
Der Heilige Geist hatte nämlich seinen eigenen Namen vergessen.
Er irrte tagelang durch Ellepobravo und stellte sich Leuten mit falschen Identitäten vor.
„Ich glaube, ich heiße Dieter.“
„Nein“, sagte der Hund des Dorfes und zog ihn am Hosenbein heimwärts.
Zur selben Zeit machte Königin Viktoria Urlaub mit Dr. Seemore auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik.
Sie nannten es „Diäturlaub“.
Gefrühstückt wurde Champagner, Hummer, Kaviar und Garnelen.
Unglücklicherweise stellte sich später heraus, dass das Schiff gar kein Kreuzfahrtschiff war.
Es war die Titanik.
„Das erklärt das Wasser im Flur“, sagte Dr. Seemore noch, bevor das Orchester rückwärts Walzer spielte.
In Ellepobravo briet die vorbildliche Mutter zur selben Zeit nervös ein Spiegelei.
Immer wenn sie Angst bekam, machte sie Spiegeleier.
Mittlerweile stapelten sich dreihundertfünfzig davon im Keller.
Vater hingegen pflanzte im Garten Blumen, die es gar nicht gab.
„Das sind Zukunftsblumen“, erklärte er stolz.
Man sah zwar nichts, aber er goss sie hingebungsvoll.
Abends saß Martin schließlich wieder auf dem Friedhof zwischen den Gräbern der Fremden.
Und die Gräber lachten leise vor sich hin.
Denn sie fanden es angenehm, einmal Menschen zu beherbergen, die wenigstens nicht zur Familie gehörten.



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