Catilina
- Martin Döhring

- 22. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Aus der Muße heraus schrieb ich vor mehr als 2 Jahrzehnten 2 Theaterstücke, zuerst den Catilina dann den Gutenberg. Auf den Catilina bin ich gekommen über die Schriften von Sallust und Cicero. Der antike Römer kann als Muster für Verschwörung und Staatsstreich gesehen werden.
Martin Döhring: Die Verschwörung des Catilina im Jahr 63 v. Chr. ist eines der bedeutendsten politischen Ereignisse der späten Römischen Republik. Wie kann es sein, dass zwei große Zeitgenossen denselben Mann so unterschiedlich darstellen? Die Antwort liegt in ihren grundverschiedenen Absichten und Weltbildern. Cicero: Der Staatsretter und der personifizierte Staatsfeind
Für Cicero, der als Konsul die Verschwörung aufdeckte und niederschlug, war Catilina ein gefährlicher Verbrecher und Feind des Staates . Seine vier Catilinarien sind nicht nur Reden, sondern rhetorische Waffen im politischen Kampf:· Catilina als Inbegriff des Bösen: Cicero zeichnet ein dämonisches Feindbild. Catilina ist für ihn die Personifikation aller Laster, die den römischen Staat bedrohen – zügellos, verdorben und von maßlosem Ehrgeiz getrieben .· Rhetorik der Vernichtung: Cicero stellt Catilina als "menschenunwürdig" dar und rechtfertigt so das harte Vorgehen gegen ihn und seine Anhänger . Die berühmte Eingangsfrage der ersten Rede – "Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?" ("Wie lange noch, Catilina, wirst du unsere Geduld missbrauchen?") – zeigt diese Taktik perfekt: Catilina wird vor versammeltem Senat bloßgestellt und in die Isolation getrieben .· Ziel: Cicero geht es um die sofortige, gnadenlose Bekämpfung einer akuten Bedrohung. Catilina muss vernichtet werden, um die res publica zu retten. Die tieferen sozialen Ursachen der Unruhen interessieren ihn dabei nicht .Sallust: Der Historiker und das Symptom einer kranken Gesellschaft
Der Historiker Sallust schrieb etwa 20 Jahre später (um 42 v. Chr.) seine Monographie De coniuratione Catilinae . Er nutzte Ciceros Reden zwar als Quelle, sein Blick ist jedoch ein ganz anderer:· Catilina als Symptom: Für Sallust ist Catilina nicht die Ursache des Übels, sondern das "Symptom" eines tiefgreifenden moralischen und politischen Verfalls der römischen Gesellschaft . Der Nährboden für seine Verschwörung waren die "verdorbenen Sitten" (corrupti mores), die durch Luxus und Habsucht entstanden waren .· Ein widersprüchliches, aber menschliches Porträt: Sallust zeichnet ein vielschichtigeres Bild. Catilina wird als ein Mann mit "großer Geistes- und Körperkraft" beschrieben, der jedoch von Natur aus "schlecht und verdorben" ist . Er war abgehärtet, kühn, hinterlistig, aber auch eloquent. Sallust zeigt ihn als Produkt seiner Zeit – ein Mensch mit all seinen Widersprüchen, nicht nur als reines Monster .· Ziel: Sallust geht es um eine historische Analyse. Er möchte erklären, warum es zu einer solchen Verschwörung kommen konnte. Dafür muss er die Gesellschaft und ihre Krisen verstehen, wobei Catilina lediglich die sichtbare Spitze des Eisbergs ist .
Die Perspektiven im direkten Vergleich Aspekt
Cicero (der Staatsmann) Sallust (der Historiker) Catilinas Rolle
Der Feind, der Anstifter allen Übels
Das Symptom eines gesellschaftlichen Verfalls
Grund für die Verschwörung Catilinas böser Charakter, seine persönliche "Raserei"
Die corrupti mores, der allgemeine Verfall von Sitten und Staat
Darstellungsziel Politische Vernichtung des Gegners, Verteidigung der eigenen Handlungen Historisch-moralische Analyse der Ursachen des Niedergangs Roms
Catilinas Charakter Eindimensional böse, ein Monster Widersprüchlich und vielschichtig, menschlich gezeichnet
Zusammengefasst: Cicero sah in Catilina einen Vaterlandsverräter, den es zu vernichten galt. Sallust dagegen sah in ihm einen verlorenen Sohn der Republik, dessen Schicksal die tiefe Krise des römischen Systems offenbarte. Durch Sallusts differenziertere Betrachtung wird die Frage aufgeworfen, ob der sprichwörtliche "Bösewicht" Catilina nicht auch ein Stück weit ein Produkt seiner Zeit war.




Kurzfassung: Weder „Wille zur Macht“ noch „Ödipus-Komplex“ sind historische Erklärungen, die antike Quellen stützen. Catilinas Antrieb wird von den Quellen vielmehr in einem Mix aus politischem Ehrgeiz, persönlicher Verschuldung, sozialem Abstieg und verletztem Ehrgefühl verortet. Psychoanalytische Deutungen wie der Ödipus-Komplex sind moderne Spekulationen ohne antike Grundlage.
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🧭 Was die antiken Quellen über Catilinas Motivation sagen
Die wichtigsten zeitgenössischen Stimmen sind Sallust (Bellum Catilinae) und Cicero (In Catilinam). Beide sind parteiisch, aber sie geben uns die einzigen direkten Hinweise.
1. Politischer Ehrgeiz und Machtstreben
• Catilina wollte Konsul werden und scheiterte mehrfach.
• Sallust beschreibt ihn als ambitiosus, audax, cupidus rerum novarum – also ehrgeizig, kühn, begierig nach Umsturz.
• Das ist kein „Wille zur Macht“ im Nietzsche’schen Sinn, aber…
Die sogenannte Catilinarische Verschwörung gehört zu den berühmtesten politischen Krisen der römischen Republik. Ihre Bedeutung liegt weniger darin, dass sie militärisch besonders gefährlich war, sondern darin, dass sie zu einem Urbild der Verschwörung geworden ist. Fast alle späteren Darstellungen von Staatsstreichen, Geheimbünden und politischen Umsturzversuchen greifen unbewusst auf Muster zurück, die bereits in den Quellen über Catilina angelegt sind.
Wer war Catilina?
Lucius Sergius Catilina war ein Angehöriger eines alten Patriziergeschlechts, politisch ehrgeizig, verschuldet und mehrfach bei Konsulwahlen gescheitert.
Im Jahr 63 v. Chr. soll er nach Darstellung der antiken Quellen einen Umsturz geplant haben:
Ermordung führender Politiker
Brandstiftung in Rom
Mobilisierung verschuldeter Bürger
Rekrutierung ehemaliger Soldaten
gewaltsame Machtübernahme
Der amtierende Konsul Marcus Tullius Cicero deckte die Verschwörung auf und…