Ambivalenztoleranz (inner conflict and healing journey)
- Martin Döhring

- vor 3 Tagen
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Hier sind die zentralen Ansätze, wie dieses Phänomen in der Therapie behandelt wird:
1. Psychoanalytisch-psychodynamische Perspektive
In der Psychodynamik wird Ambivalenz nicht als bloßer Defekt gesehen, sondern als Zeichen einer inneren Zerrissenheit, in der gegensätzliche Triebe oder Affekte (z. B. Liebe und Hass gegenüber einer Bezugsperson) nicht in ein stabiles Selbstbild integriert werden können.
Der haltende Rahmen („Holding Environment“): Zunächst geht es darum, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem die Zerrissenheit des Patienten ausgehalten wird, ohne dass der Therapeut sofort wertet oder eine Entscheidung erzwingt. Der Therapeut fungiert als ein „äußeres Ich“, das die widersprüchlichen Anteile des Patienten stellvertretend integriert.
Arbeit an der Übertragung: Die Ambivalenz zeigt sich oft in der Beziehung zum Therapeuten (z. B. das Bedürfnis nach Nähe bei gleichzeitiger Angst vor Vereinnahmung). Durch das Aushalten dieser Gegenübertragungsgefühle lernt der Patient, dass widersprüchliche Gefühle existieren dürfen, ohne die Beziehung zu zerstören.
Symbolisierung statt Agieren: Psychotische Symptome werden oft als „konkrete Metaphern“ für unerträgliche innere Konflikte verstanden. Das Ziel ist es, den Patienten zu befähigen, diese Konflikte durch Sprache und Symbolik auszudrücken, anstatt sie durch Rückzug oder psychotisches Agieren zu „lösen“.
2. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze
Hier wird der Fokus stärker auf die Ambivalenztoleranz und die Reduktion der daraus resultierenden Lähmung gelegt:
Psychoedukation: Patienten lernen zu verstehen, dass ihr „Gefühl des Stillstands“ durch die krankheitsbedingte Störung der assoziativen Verbindungen entsteht. Dies entlastet den Betroffenen von Selbstvorwürfen.
Strukturierungshilfen: Bei akuter Entscheidungsunfähigkeit helfen Therapeuten, Entscheidungsprozesse in sehr kleine, überschaubare Schritte zu zerlegen, um die Überforderung durch das „Sowohl-als-auch“ zu verringern.
Training der Ambiguitätstoleranz: In Übungen wird trainiert, dass widersprüchliche Informationen oder Gefühle in der Welt existieren können, ohne dass dies ein unmittelbares Handeln oder eine sofortige Lösung erfordert.
3. Der multimodale Ansatz (Die klinische Realität)
Da Schizophrenie eine neurobiologische Komponente hat, greift die Psychotherapie selten isoliert:
Medikamentöse Entlastung: Antipsychotika spielen eine Schlüsselrolle, indem sie die Reizüberflutung reduzieren und die assoziativen Verbindungen im Denken stabilisieren. Erst wenn das „Gefühlschaos“ und die kognitive Zerfahrenheit medikamentös gedämpft sind, ist der Patient oft überhaupt erst in der Lage, sich therapeutisch mit seiner Ambivalenz auseinanderzusetzen.
Stabilisierung durch Routine: Soziotherapie und ergotherapeutische Ansätze bieten eine äußere Struktur, die den Patienten in der Ambivalenz stützt. Wenn das Umfeld stabil bleibt, verliert der innere Konflikt oft an Bedrohlichkeit.
Zusammenfassung für die therapeutische Haltung
Der Erfolg in der Behandlung liegt selten in der „Auflösung“ der Ambivalenz im Sinne einer Eindeutigkeit. Vielmehr geht es um „Ambivalenztoleranz“:
Validierung: Anerkennen, dass die Zerrissenheit für den Patienten real und schmerzhaft ist.
Akzeptanz: Vermitteln, dass man auch mit widersprüchlichen Impulsen existieren kann, ohne psychotisch reagieren zu müssen.
Containment: Der Therapeut hält den inneren Widerspruch des Patienten aus, bis dieser durch den therapeutischen Prozess selbst in der Lage ist, ein Stück weit mehr Identität und Stabilität zu gewinnen.
In der Arbeit mit schizophrenen Patienten ist das größte Ziel, dass der Patient lernt, den Konflikt als Teil seiner menschlichen Erfahrung zu begreifen, anstatt ihn durch eine psychotische Spaltung der Realität „unwirksam“ machen zu müssen.




Ambivalenzkonflikt, Ich-Spaltung und die therapeutische Wiedergewinnung der Realität
Die großen religiösen Erzählungen der Menschheit lassen sich nicht nur als Glaubensdokumente lesen, sondern auch als symbolische Darstellungen psychischer Konflikte. Seit Friedrich Nietzsche die religiöse Ordnung der europäischen Kultur als menschliche Konstruktion deutete und Sigmund Freud Religion als Ausdruck unbewusster Wünsche beschrieb, ist die Möglichkeit eröffnet, biblische Figuren nicht nur theologisch, sondern auch psychologisch zu betrachten.
In dieser Perspektive erscheint die Geschichte von Jesus und Judas als dramatische Inszenierung eines grundlegenden menschlichen Problems: des Ambivalenzkonflikts.
Der Ambivalenzkonflikt entsteht dort, wo zwei unvereinbare Wirklichkeiten gleichzeitig Geltung beanspruchen. Das Subjekt kann weder die eine noch die andere vollständig aufgeben. Es lebt zwischen widersprüchlichen Deutungen seiner Existenz und verliert allmählich die Fähigkeit, diese Gegensätze zu…