Alltag in Zwangshausen
- Martin Döhring

- 13. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Zwangshausen liegt im Zwangsreich, wo die Männer Zwangshosen tragen und die Frauen etwas unreinlich sind . In Zwangshausen begann jeder Morgen mit einem amtlichen Knall. Punkt sechs Uhr schlug die Rathausglocke, und Hausmeister Martin öffnete das „Amt für geregelte Notdurftversorgung“. Dort saß er hinter einem kleinen Schalter aus Pressspanholz und verteilte Klorollen an die Kinder des Dorfes.
„Nur zwei Blätter pro Kind!“, rief er streng.
„Aber ich muss groß!“, jammerte der kleine Kevin.
Martin blickte in sein Regelbuch.
„Groß nur mit Formular B-17 und Unterschrift der Mutter aller Mütter.“
Die Mutter aller Mütter stand derweil zuhause in ihrer Küche und haute sich bereits das dritte Spiegelei des Morgens in die Pfanne. Immer wenn die Welt verrückter wurde, briet sie Eier. Mittlerweile roch ganz Zwangshausen nach verbrannter Butter.
Seine Frau Simone arbeitete bei der Bank. Dort verkaufte sie Urkunden aller Art.
„Möchten Sie eine Besitzurkunde, eine Ehrenurkunde oder eine amtliche Bescheinigung über moralische Verwirrung?“
„Was kostet die?“
„Drei gebrauchte Unterhosen und ein Glas Erbsensuppe.“
Denn seit der Pobock Leithammel geworden war, galt im Dorf das große Tauschprinzip:
„Dreimal Drei ist neune, du weißt schon wie ich’s meine.“
Niemand wusste zwar genau, was das bedeutete, aber alle nickten ernst dazu.
Der Pobock selbst trug eine Uniform aus Leder, Gummibändern und Gardinenstoff. Als Zuchtmeister des Zwangsreiches erklärte er täglich vom Rathausbalkon:
„Alle Sünden werden geheilt durch konsequenten Wäschetausch!“
Und so trugen die Dorfbewohner plötzlich die Unterwäsche der anderen. Lehrer trugen Spitzenhöschen von Metzgersfrauen, der Pfarrer Boxershorts mit Entenmotiv und der Dorfpolizist eine Korsage von Tante Irmgard.
Mutti schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Das ist doch unhygienisch!“
Vater seufzte nur noch und goss schweigend die Blumen, die es gar nicht gab. Es waren unsichtbare Blumen, aber er behauptete, sie hätten Hoffnung nötig.
Zur selben Zeit wurde Pippi Langstrumpf vor Gericht gestellt.
Der Richter las die Anklage vor:
„Sie sind eigentlich Ärztin, aber offenbar verrückt.“
„Das stimmt nur teilweise“, sagte Pippi und stellte ihr Pferd auf den Richtertisch.
Der Pobock nickte finster.
„Ab in die Besserungsanstalt!“
Daraufhin erschien Rob Stuhlian.
Rob sah aus wie eine Vogelscheuche, die in einen Altkleidercontainer gefallen war. Er lief schreiend durchs Dorf und schoss mit seiner Steinschleuder sämtliche Fenster ein.
KLIRR.
„Die Wahrheit muss lüften!“
KLIRR.
„Die Häuser denken falsch!“
KLIRR.
Niemand hielt ihn auf, weil gleichzeitig neue Verkehrsampeln aufgebaut wurden. Die schalteten streng von Braun auf Blau und anschließend auf Rosa.
„Was bedeutet Rosa?“, fragte jemand.
„Vermutlich Vorsicht bei Gefühlen“, sagte der Bürgermeister.
Der Geschichtslehrer war inzwischen endgültig wahnsinnig geworden. Als ehemaliger Kriegsheld wollte er den Kindern den Geist der Antike erklären.
Er sprang auf einen Stuhl, klemmte sich einen Besen zwischen die Beine und ritt durch das Klassenzimmer.
„Kartoffel! Kartoffel!“, brüllte er heroisch.
Dann stolperte er über Kevins Schulranzen und fiel mitten in den Geografieunterricht.
Wütend zeigte er auf die Kinder.
„Ihr seid die Terroristen von morgen!“
Die Kinder klatschten begeistert, weil sie dachten, das gehöre zum Lehrplan.
Währenddessen stellte der Fürst draußen seine Armee aus Schatten auf. Die Soldaten bestanden tatsächlich nur aus Schatten. Bei Regen wurden sie dünner.
Auf dem Marktplatz begann gleichzeitig der große Ausverkauf.
„Zwei kaputte Wasserpumpen gegen eine halbe Wurstplatte!“
„Wer tauscht gebrauchte Hexenhüte gegen Apfelkuchen?“
„Sonderangebot: moralische Entrüstung zum Einführungspreis!“
Denn die Unordnung hatte begonnen, als der Heilige Geist seinen eigenen Namen vergessen hatte. Seitdem arbeitete er unerkannt als Reinigungskraft im Rathauskeller und murmelte ständig:
„Ich kenne mich irgendwoher …“
Nur der Hund wusste Bescheid und führte ihn manchmal heimwärts.
Am Abend saß der Schattenforscher wieder auf dem Klo.
„Ich drück ja“, ächzte er verzweifelt, „aber er kommt nicht!“
Niemand wusste genau, ob er von seiner Verstopfung oder von seiner Dissertation sprach.
Draußen lachten die Gräber über die Fremden, die in ihnen lagen.
Und Vater pflanzte weiter seine unsichtbaren Blumen in die schwarze Erde von Zwangshausen, während über der Burg die Scheiterhaufen loderten und die Ampeln ruhig von Braun auf Blau und schließlich auf Rosa wechselten — als wäre das alles völlig normal.



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