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ADHS - die Überlebensstrategie des Zappelphilipp

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 9. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

  ... Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom ...
... Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom ...

Hier schlagen wir die Brücke von der klassischen Psychodynamik zur literarischen Geburtsstunde dessen, was wir heute als ADHS kennen. Der „Zappelphilipp“ aus Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter (1844) ist das Paradebeispiel für eine motorische Unruhe, die in Riemanns Modell ebenfalls einen spannenden Platz findet.

Um die Psychodynamik von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) auf der Ebene der frühkindlichen Entwicklung „wie bei Riemann“ zu erklären, müssen wir die Kernkonzepte von Fritz Riemanns Werk „Grundformen der Angst“ auf die Symptome und die innere Welt eines Kindes mit ADHS-Tendenzen übertragen.

Riemanns Modell ist eine Charakterkunde, die auf vier fundamentalen Achsentypen basiert, die aus dem Spannungsfeld zwischen zwei Polaritäten entstehen:

  1. Individuation vs. Hingabe (Ich-Werdung vs. Wir-Bezug)

  2. Dauer vs. Wechsel (Stabilität vs. Veränderung)

ADHS wird in Riemanns klassischem Werk nicht explizit als Störungsbild behandelt. Eine psychodynamische Interpretation im Geiste Riemanns betrachtet ADHS-Symptome (Unruhe, Unkonzentriertheit, Impulsivität) jedoch nicht nur als neurobiologisches Defizit, sondern auch als Lösungsversuche oder Abwehrmechanismen des Ichs im Umgang mit spezifischen frühkindlichen Ängsten und Beziehungsdynamiken.

Hier ist der Versuch einer Erklärung auf dieser Ebene:

Die Grundkonflikte und ADHS-Symptome im Riemann-Modell

Ein Kind mit ADHS-Tendenzen kann psychodynamisch als jemand verstanden werden, dessen Ich-Entwicklung in massiven Konflikten zwischen diesen Polaritäten steht. Seine Symptome sind der Versuch, unerträgliche psychische Spannungen zu regulieren.

1. Hyperaktivität als Abwehr im Spannungsfeld von Dauer und Wechsel

Diese Polarität ist für ADHS am offensichtlichsten.

  • Der schizoide Pol (Angst vor Hingabe/Nähe):

    • Dynamik: Ein Kind, das frühkindlich überwältigende, unberechenbare oder grenzüberschreitende Nähe erfahren hat (Double Bind, Missbrauch oder auch extreme Überfürsorge), entwickelt eine tiefe Angst vor Vereinnahmung und dem Verlust des eigenen „Ichs“ in der Beziehung.

    • ADHS-Symptom als Abwehr: Die Hyperaktivität und ständige Bewegung dienen dazu, Distanz zu schaffen. Durch das „Zappeln“ und Weglaufen stellt das Kind physisch und psychisch sicher, dass niemand ihm „zu nahe“ kommen kann. Es ist ein permanenter Fluchtreflex vor einer potenziell vernichtenden Nähe.

  • Der hysterische Pol (Angst vor Festlegung/Dauer):

    • Dynamik: Ein Kind, das in einem Milieu aufwächst, das ständige Reize, Wechsel und wenig verlässliche Strukturen bietet, entwickelt Angst vor der Unausweichlichkeit, der Begrenzung und der Langeweile (Dauer). Es lernt, dass Überleben bedeutet, in Bewegung zu bleiben.

    • ADHS-Symptom als Abwehr: Das Suchen nach neuen Reizen (Sensation Seeking), die Sprunghaftigkeit und die Unfähigkeit, bei einer Sache zu bleiben, sind Versuche, der gefürchteten „Erstarrung“ durch Dauer zu entgehen. Die Psyche braucht den Kick des Neuen, um sich lebendig zu fühlen und nicht in Angst vor Begrenzung zu verfallen.

2. Unkonzentriertheit als Regulierung des Ich-Bezugs (Individuation)

  • Der depressive Pol (Angst vor Individuation/Verlust):

    • Dynamik: Ein Kind, das frühkindlich erfahren hat, dass eigene Impulse, Autonomie und das Verlassen des Wir-Bezugs (Trennung) zu Liebesverlust, Strafen oder Verlassenwerden führen, entwickelt Angst vor der eigenen Ich-Werdung. Es lernt, sich anzupassen und seine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken.

    • ADHS-Symptom als Abwehr: Die Unkonzentriertheit und das „Träumen“ können als unbewusster Rückzug verstanden werden. Das Kind zieht seine psychische Energie (Libido) von der äußeren Realität ab, die Forderungen an seine Ich-Leistung stellt, und flüchtet in eine innere Welt. Es ist eine passive Form der Verweigerung, um Konflikte und die Angst vor Autonomie zu vermeiden. Es „funktioniert“ nicht, weil das Funktionieren Trennung bedeuten könnte.

Die ADHS-Psychodynamik als Synthese der Riemann-Ängste

Man kann ADHS psychodynamisch als eine spezifische, fragile Synthese oder vielmehr als ein Scheitern der Synthese zwischen diesen Grundängsten betrachten. Das Ich eines Kindes mit ADHS-Tendenzen ist nicht in der Lage, ein stabiles Gleichgewicht zu finden. Seine Symptome sind der Ausdruck dieses permanenten Kampfes:

Symptomebene

Riemann-Ängste als Motor

Psychodynamische Funktion (Abwehr)

Hyperaktivität

Angst vor Hingabe (Verschlungenwerden) & Angst vor Dauer (Begrenzung)

Flucht in die Distanz & Flucht vor der Erstarrung. Schaffung von Raum und Wechsel, um Ohnmacht zu vermeiden.

Unkonzentriertheit

Angst vor Individuation (Liebesverlust) & Angst vor Festlegung (Entscheidung)

Rückzug von der Realität & Vermeidung von Verbindlichkeit. Passiver Protest und Schutz vor Überforderung.

Impulsivität

Angst vor Dauer (Verzögerung) & Angst vor Individuation (Kontrolle durch andere)

Sofortige Spannungsabfuhr & Protest gegen Grenzen. Autonomiebehauptung im Affekt, um nicht überwältigt zu werden.

Zusammenfassung im Geiste Riemanns

Im Sinne Riemanns ist ADHS keine zufällige Aneinanderreihung von Defiziten. Es ist die Charakterstruktur eines Ichs, das in einer frühkindlichen Realität aufwachsen musste, die entweder zu bedrohlich (zu nah, zu chaotisch) oder zu fordernd (zu rigide, zu trennend) war.

Das Kind bezahlt seine psychische Stabilität mit der Unfähigkeit, zur Ruhe zu kommen, sich zu konzentrieren und seine Impulse zu steuern. Die Symptome sind der Preis dafür, unerträgliche Ängste vor Vernichtung, Verlassenwerden, Erstarrung oder Chaos zu binden.

Anstatt das Kind nur als „krank“ zu betrachten, würde Riemann uns auffordern, die „Notwehrreaktion“ und den „Überlebenskampf“ hinter dem zappeligen und unkonzentrierten Verhalten zu sehen.

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