Autismus und Libido
- Martin Döhring

- 26. Aug. 2022
- 2 Min. Lesezeit

Zusammenfassung der historischen und theoretischen Schnittmengen zwischen der frühen Psychoanalyse und der psychiatrischen Konzeptualisierung des Autismus: Um diese Sichtweise in den Kontext der Freudschen Libidotheorie einzuordnen, ist es hilfreich, die psychodynamische Mechanik dahinter noch etwas schärfer zu konturieren.
Der theoretische Rahmen: Libido-Ökonomie
Freud betrachtete das menschliche Subjekt als ein geschlossenes System, das mit einer bestimmten Menge an psychischer Energie ausgestattet ist, der Libido. Das entscheidende Moment in seiner Theorie ist die Verschiebbarkeit dieser Energie.
Primärer Narzissmus (Der "Normalzustand"): In den ersten Lebensmonaten ist die Libido des Säuglings nicht auf Objekte (die Außenwelt, die Mutter) gerichtet, sondern in das eigene Ich zurückgezogen. Da das Ich noch nicht als vom Objekt unterschieden erlebt wird, ist dieser Zustand autoerotisch und narzisstisch. Es gibt hier noch keine "Wirklichkeit" im psychoanalytischen Sinne, da die Welt als Teil des Ichs empfunden wird.
Objektbesetzung: Die psychische Entwicklung besteht Freud zufolge darin, dass diese Libido nach außen, auf reale Objekte, "ausgeschickt" wird. Das ist der Prozess der Objektbesetzung. Wenn das Kind die Welt als von sich getrennt erkennt, wird die Libido in die Außenwelt investiert.
Regression als Mechanismus: Wenn ein Individuum nun später im Leben – etwa im Rahmen einer schizophrenen Psychose – die Beziehung zur Außenwelt abbricht (die Objektbesetzung zurückzieht), wohin fließt diese Energie dann? Freud argumentierte, dass sie nicht einfach verschwindet, sondern in das Ich zurückfließt. Dies nennt er sekundären Narzissmus.
Der "Autismus" als Rückschritt
Hier schließt sich der Kreis zu meiner Anmerkung über Bleuler:
Bleulers Autismus als Symptom: Für Bleuler war der Autismus ein Symptom der Schizophrenie – ein Rückzug aus der sozialen Interaktion in eine autarke Innenwelt.
Freuds Interpretation: Aus Freuds Sicht ist dieser Rückzug ein regressiver Prozess. Der Patient kehrt psychisch in ein Stadium zurück, das dem des Säuglings entspricht (dem primären Narzissmus). Das Ich wird erneut zum alleinigen Objekt der Libido.
In dieser Lesart ist der "Autismus" (im Sinne der Schizophrenie) also ein Zustand, in dem das Subjekt die Fähigkeit oder den Willen verloren hat, die Libido an der Realität zu "festzuhalten", und sie stattdessen in das Innere umleitet. Die Welt außerhalb des Ichs verliert ihre psychische Realität; sie existiert für das Individuum nicht mehr als bedeutsames Objekt, da keine Energie mehr in sie investiert wird.
Die begriffliche Nähe: Autoerotismus vs. Autismus
Die Fußnote, die ich erwähne, ist deshalb so faszinierend, weil sie den Übergang von einer rein triebtheoretischen Beschreibung (Autoerotismus als Energiequelle) zu einer phänomenologischen Beschreibung (Autismus als Rückzug aus der Realität) markiert.
Autoerotismus ist für Freud die Quelle (die frühe Form der Triebbefriedigung).
Autismus ist für Bleuler die Form (das beobachtbare klinische Verhalten des Rückzugs).
Für Freud war es folgerichtig, Bleulers Beobachtung in seine Libidotheorie zu integrieren: Wer sich von der Realität abwendet (Bleulers Autismus), muss die Libido zwingend auf sich selbst richten (Freuds Narzissmus/Autoerotismus).




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