Double Binding und kaputtes Mutter-Imago
- Martin Döhring

- 28. Mai 2020
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Apr.

Psychodynamische Erklärung: Das „kaputte Mutter-Imago“ und seine Folgen für das fragile Ich – Double Binding als paradoxe Abwehrstrategie
Das kaputte Mutter-Imago ist ein zentraler Begriff der objektbeziehungsorientierten Psychoanalyse (Melanie Klein, Donald Winnicott, Heinz Kohut, später Otto Kernberg). Es beschreibt nicht die reale Mutter, sondern die internalisierte, unbewusste Repräsentanz der Mutter im Seelenleben des Kindes – ein Bild, das bereits in den ersten Lebensmonaten entsteht und lebenslang wirksam bleibt.
### 1. Was bedeutet „kaputt“ beim Mutter-Imago?
Ein intaktes Mutter-Imago ist kohärent, ambivalent integriert und tragfähig: Die Mutter wird gleichzeitig als „gut“ (nahrend, haltend, spiegelnd) und als „schlecht“ (frustrierend, abwesend, fordernd) erlebt – und diese Gegensätze können im Laufe der Entwicklung zusammengefügt werden.
Ein kaputtes Mutter-Imago hingegen ist fragmentiert, gespalten oder deformiert. Es entsteht durch frühe, wiederholte Erfahrungen, in denen die Mutter (oder die primäre Bezugsperson) emotional inkonsistent, überfordernd oder traumatisch wirkt:
- emotionale Unverfügbarkeit bei gleichzeitiger körperlicher Präsenz („kalte Nähe“),
- abwechselnde Überfürsorge und plötzliches Zurückweisen,
- narzisstische Verwendung des Kindes als Selbst-Objekt (Kohut),
- oder eine Mutter, die selbst ein ungelöstes Trauma trägt und das Kind damit unbewusst „infiziert“.
Das Imago zerfällt in nicht-integrierbare Teile: eine „gute“ Mutter (idealisierte Fantasie) und eine „böse“ Mutter (verfolgende, verschlingende Figur). Diese Spaltung (splitting) bleibt erhalten, weil die Integration zu schmerzhaft wäre. Die Haut als erstes „Ich“ (Anzieu: „Haut-Ich“) wird dabei oft zum Schauplatz – was die Verbindung zur Neurodermitis aus unserer vorherigen Betrachtung erklärt: Die Haut juckt und blutet, weil sie die ungelöste Grenzstörung zwischen „Mutter und Ich“ somatisch wiederholt.
### 2. Konsequenz: Das fragile Ich
Aus einem kaputten Mutter-Imago resultiert zwangsläufig ein fragiles Ich (fragile self structure). Das Kind kann keine stabile innere Repräsentanz eines „haltenden Objekts“ aufbauen. Psychodynamisch bedeutet das:
- Fehlendes basales Vertrauen (Erikson) und fehlendes „holding“ (Winnicott): Das Ich bleibt in einem Zustand permanenter innerer Bedrohung – es fühlt sich jederzeit dem Risiko der Fragmentierung oder des Zusammenbruchs ausgesetzt.
- Narzisstische Vulnerabilität: Das Selbst ist nicht kohärent, sondern wird ständig durch äußere Bestätigung oder Vermeidung von Kränkung aufrechterhalten (Kohut: „selfobject needs“).
- Chronische Angst vor Objektverlust: Jede Nähe droht Verschmelzung oder Vernichtung, jede Distanz droht Verlassenheit. Das Ich bleibt daher dünn, durchlässig und leicht zu „zerreißen“ – genau wie die Haut bei der Neurodermitis.
- Abwehrstrategien auf höherer Ebene (Intellektualisierung, wie in Ihrer Elite-Schul-Erfahrung der 80er-Jahre) dienen als Notpflaster, können aber die zugrundeliegende Fragilität nicht heilen.
Das fragile Ich ist kein „schwaches“ Ich im umgangssprachlichen Sinne, sondern ein strukturell unterentwickeltes Ich, das seine ganze Energie darauf verwendet, nicht auseinanderzufallen.
### 3. Double Binding als Abwehrstrategie mit absichtlicher paradoxer Kommunikation
Hier kommt die Double-Bind-Theorie (Gregory Bateson, 1956, später in der systemischen und tiefenpsychologischen Familienforschung) ins Spiel – jedoch nicht primär als Ursache von Schizophrenie, sondern als geniale, unbewusste Abwehrstrategie des fragilen Ichs (bzw. der dyadischen Mutter-Kind-Beziehung).
Das Double Binding funktioniert folgendermaßen:
- Es werden zwei widersprüchliche Botschaften auf unterschiedlichen logischen Ebenen gleichzeitig gesendet.
- Beispiel: Die Mutter sagt verbal „Ich liebe dich, komm her“ (primäre Ebene), kommuniziert aber nonverbal oder metakommunikativ „Wenn du wirklich kommst, werde ich dich verschlingen / ablehnen / bestrafen“ (sekundäre Ebene).
- Das Kind kann weder gehorchen noch nicht gehorchen, ohne Strafe zu bekommen. Es gibt keinen Ausweg.
Psychodynamisch ist das Double Binding eine Schutzstrategie gegen die totale Zerstörung durch das kaputte Mutter-Imago:
- Das fragile Ich kann die „böse“ Seite der Mutter nicht direkt erleben oder benennen – das würde den Zusammenbruch des gesamten Selbst bedeuten. Stattdessen erzeugt es (oder internalisiert) die Paradoxie als Puffer.
- Die absichtliche paradoxe Kommunikation („Ich will dich nah – aber nicht zu nah“) dient der Affektneutralisierung: Der Schmerz der Inkonsistenz wird in eine unlösbare Logik verwandelt. Das Kind lernt: „Die Welt ist so – widersprüchlich, aber kontrollierbar durch Verwirrung.“
- Es handelt sich um eine höhere Abwehr (nach Anna Freud): Nicht Verdrängung, sondern Verwirrung als Schutz. Die Paradoxie schützt das Ich vor der direkten Konfrontation mit der zerstörerischen Mutter-Imago.
- Gleichzeitig bleibt die Bindung erhalten: Das Kind kann der Mutter „treu“ bleiben, ohne sie als „böse“ anerkennen zu müssen. Die Double-Bind-Situation wird zum inneren Objekt – später wiederholt in Beziehungen, in der Arbeit, in der eigenen Kommunikation.
In der Neurodermitis zeigt sich diese Dynamik besonders deutlich: Der Juckreiz-Kratz-Zyklus ist selbst ein Double Bind – „Ich will berührt werden“ (Wunsch nach mütterlichem Holding) versus „Ich muss mich selbst zerstören, um nicht verschlungen zu werden“ (Abwehr). Die Haut kommuniziert paradox: Sie signalisiert gleichzeitig Hilfsbedürftigkeit und Unberührbarkeit.
### Zusammenfassung der Dynamik
1. Kaputtes Mutter-Imago → Spaltung in nicht-integrierbare gute/böse Teile.
2. Folge: Fragiles Ich → permanentes Risiko der Fragmentierung, dünne Ich-Grenzen, narzisstische Vulnerabilität.
3. Double Binding als Abwehr → absichtliche paradoxe Kommunikation als Schutzmechanismus, der die Inkonsistenz der Mutter in eine scheinbar „logische“ Unlösbarkeit verwandelt und damit das Ich vor dem totalen Zusammenbruch bewahrt.
Das Double Binding ist damit keine „Krankheit“, sondern eine kreative, tragische Überlebensstrategie eines fragilen Ichs, das mit einem kaputten Mutter-Imago leben muss. Es erklärt, warum viele Betroffene später selbst Meister der paradoxen Kommunikation werden – in Beziehungen, im Beruf oder in der Kunst. Erst wenn die Spaltung des Mutter-Imagos in der Therapie schrittweise integriert werden kann, wird das Double Binding überflüssig und das Ich darf endlich stabil und ambivalent werden.




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