Individuation als zivilisatorische Rekapitulierung
- Martin Döhring

- 5. Juli 2019
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Apr.

Freud beschreibt die psychosexuelle Entwicklung des Kindes in fünf Phasen (manchmal wird eine kurze narzisstische Phase im ersten Jahr zusätzlich erwähnt). In jeder Phase konzentriert sich die Libido (die sexuelle Energie des Es) auf eine bestimmte erogene Zone. Das Kind muss die jeweilige Entwicklungsaufgabe bewältigen. Gelingt das nicht optimal, kann es zu einer Fixierung kommen – einer Art „Steckenbleiben“ –, die später im Erwachsenenalter als Persönlichkeitsmerkmal oder neurotische Störung wieder auftaucht.
Hier die klassischen Phasen mit ungefähren Altersangaben, erogener Zone und zentraler Thematik:
### 1. Orale Phase (Geburt bis ca. 1.–1½ Jahre)
- Erogene Zone: Der Mund (Lippen, Zunge, Saugen, Beißen).
- Hauptthema: Alles dreht sich um Nahrungsaufnahme, Saugen und Erkunden der Welt mit dem Mund. Befriedigung kommt durch Stillen, Nuckeln am Daumen oder Schnuller.
- Entwicklungsaufgabe: Aufbau von Urvertrauen zur Mutter/Bezugs person. Das Kind lernt, dass Bedürfnisse erfüllt werden.
- Mögliche Fixierungen (bei zu viel oder zu wenig Befriedigung): Oraler Charakter im Erwachsenenalter – z. B. starkes Rauchen, Essen, Trinken, Nägelkauen, Abhängigkeit von anderen, Redseligkeit oder im negativen Fall depressive Züge und Pessimismus.
### 2. Anale Phase (ca. 1½–3 Jahre)
- Erogene Zone: Der After (Schließmuskel, Ausscheidung und Zurückhalten).
- Hauptthema: Die Zeit des Sauberkeitstrainings (Toilettentraining). Das Kind entdeckt, dass es Kontrolle über seinen Körper hat – Lust entsteht durch Zurückhalten oder Loslassen von Kot.
- Entwicklungsaufgabe: Entwicklung von Autonomie und Selbstkontrolle. Das Kind lernt, zwischen Geben und Behalten, Ordnung und Chaos zu unterscheiden.
- Mögliche Fixierungen:
- Anal-retentiv (zu strenge Erziehung): Ordentlich, geizig, stur, zwanghaft perfektionistisch.
- Anal-expulsiv (zu nachgiebige Erziehung): Chaotisch, verschwenderisch, rebellisch, destruktiv.
### 3. Phallische Phase (ca. 3–6 Jahre)
- Erogene Zone: Die Genitalien (Penis bei Jungen, Klitoris bei Mädchen).
- Hauptthema: Die Kinder entdecken die Geschlechtsunterschiede und beginnen, mit ihren Genitalien zu spielen. Das ist die Phase des Ödipuskomplexes (bei Jungen) bzw. Elektrakomplexes (bei Mädchen).
- Der Junge empfindet sexuelle Wünsche zur Mutter und rivalisiert mit dem Vater (Kastrationsangst).
- Das Mädchen empfindet Penisneid, wendet sich vom Vater ab und identifiziert sich schließlich mit der Mutter.
- Entwicklungsaufgabe: Auflösung des Ödipuskonflikts durch Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Dadurch entsteht das Über-Ich (Gewissen und Moral).
- Mögliche Fixierungen: Sexuelle Identitätsprobleme, Autoritätskonflikte, Promiskuität, Frigidität oder starke Eifersucht und Rivalität im späteren Leben.
### 4. Latenzphase (ca. 6–12 Jahre, bis zur Pubertät)
- Erogene Zone: Keine dominante Zone – die sexuelle Energie ist weitgehend „ruhend“ oder sublimiert.
- Hauptthema: Die sexuellen Impulse werden verdrängt. Die Libido wird in nicht-sexuelle Aktivitäten umgeleitet: Schule, Lernen, Freundschaften, Sport, intellektuelle Interessen.
- Entwicklungsaufgabe: Aufbau sozialer Fähigkeiten, moralischer Werte und intellektueller Kompetenzen. Die Phase gilt als relativ ruhig („Latenz“ = Verborgenheit).
- Fixierungen: Selten dramatisch, aber bei Störungen können soziale Unbeholfenheit oder übertriebene Intellektualisierung entstehen.
### 5. Genitale Phase (ab der Pubertät bis ins Erwachsenenalter)
- Erogene Zone: Die reifen Genitalien.
- Hauptthema: Die sexuelle Energie kehrt zurück und richtet sich nun auf heterosexuelle (oder reife sexuelle) Objekte außerhalb der Familie. Es geht um echte intime Beziehungen, Liebe und Sexualität.
- Entwicklungsaufgabe: Integration aller vorherigen Phasen zu einer reifen Persönlichkeit. Die Libido dient nicht mehr nur der eigenen Lust, sondern auch der Bindung an einen Partner.
- Erfolgreicher Abschluss: Fähigkeit zu liebevollen, reifen Beziehungen ohne starke neurotische Störungen.
### Wichtige Hinweise zu Freuds Modell
- Die Phasen verlaufen sequentiell, aber nicht streng getrennt – es gibt Überschneidungen.
- Freud sah die Kindheit (besonders die ersten fünf–sechs Jahre) als entscheidend für die gesamte Persönlichkeitsstruktur an.
- Fixierung entsteht durch Über- oder Unterbefriedigung in einer Phase → die Libido bleibt teilweise dort „hängen“.
- Das Modell ist heute stark kritisiert (zu stark sexualisiert, wenig empirisch belegt, kulturell einseitig), bleibt aber ein zentraler Baustein der Psychoanalyse und hat großen Einfluss auf die Entwicklungspsychologie gehabt.


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