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Xenophanes - der dunkel Raunende...

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit


... copyright by martin wilhelm döhring ... all rights reserved ...
... copyright by martin wilhelm döhring ... all rights reserved ...

Das Bild von den Rindern und den Erbsen gehört zu den rätselhaften Fragmenten des Xenophanes. Es ist zunächst unscheinbar, entfaltet aber bei genauer Betrachtung eine erstaunliche philosophische Tiefe. Es zeigt exemplarisch, wie Xenophanes nicht bloß Naturphilosoph, sondern einer der ersten Erkenntnistheoretiker Europas war.

Das Fragment

Das Fragment lautet sinngemäß:

„Wenn die Rinder, Pferde und Löwen Hände hätten und damit malen könnten, würden die Pferde Götter wie Pferde malen, die Rinder wie Rinder.“

Daneben gibt es Fragmente über Tiere, Nahrung und Wahrnehmung, in denen unter anderem erwähnt wird, dass Tiere unterschiedliche Nahrung bevorzugen – etwa Rinder, die Erbsen oder Hülsenfrüchte fressen. Diese Bemerkungen wirken zunächst beiläufig, gehören aber zu Xenophanes' allgemeiner Beobachtung:

Jedes Lebewesen lebt in seiner eigenen Welt und beurteilt die Wirklichkeit aus seiner eigenen Natur heraus.

Die Erbsen sind kein Zufall

Warum erwähnt Xenophanes überhaupt Nahrung?

Weil Nahrung etwas äußerst Grundlegendes ist.

Ein Mensch findet Wein angenehm. Ein Löwe bevorzugt Fleisch. Ein Rind liebt Gras oder Hülsenfrüchte.

Dasselbe Objekt besitzt also keinen absoluten Wert.

Es erscheint verschieden je nach Wesen.

Damit formuliert Xenophanes bereits einen Gedanken, der viel später in der Erkenntnistheorie wiederkehrt:

Wahrnehmung ist niemals völlig objektiv. Sie ist immer an die Natur des Wahrnehmenden gebunden.

Daraus entwickelt er seine Religionskritik

Nun macht Xenophanes einen überraschenden Schritt.

Er fragt:

Wenn sogar Nahrung verschieden bewertet wird –

warum sollten dann unsere Vorstellungen von Gott objektiv sein?

Seine berühmten Beispiele lauten:

  • Die Äthiopier stellen sich ihre Götter dunkelhäutig vor.

  • Die Thraker stellen sich ihre Götter blond und blauäugig vor.

Also:

Nicht Gott bestimmt das Menschenbild,

sondern

der Mensch erschafft Gott nach seinem eigenen Bild.

Das ist eine der revolutionärsten Einsichten der Antike.

Die Rinder sind deshalb eine Metapher

Wenn Rinder denken könnten,

würden sie sagen:

Gott besitzt Hörner.

Wenn Pferde denken könnten,

würden sie sagen:

Gott besitzt Hufe.

Wenn Löwen Religion hätten,

wären ihre Götter Löwen.

Die Aussage lautet also nicht:

„Die Religion ist Unsinn."

Sondern:

Alle Lebewesen projizieren sich selbst in das Absolute hinein.

Heute würde man von Projektion sprechen.

Daraus entsteht seine Philosophie

Xenophanes beginnt zu unterscheiden zwischen

  • der Wirklichkeit

  • unseren Bildern von der Wirklichkeit.

Das ist neu.

Vor ihm erzählten viele Denker hauptsächlich Kosmologien.

Er fragt stattdessen:

Woher wissen wir überhaupt, dass unsere Vorstellungen stimmen?

Damit wird er zum Vorläufer der Erkenntnistheorie.

Seine berühmteste Erkenntnis

Das berühmteste Fragment lautet:

„Kein Mensch hat die klare Wahrheit erkannt, noch wird sie jemals einer erkennen. Selbst wenn einer zufällig die Wahrheit sagte, wüsste er dennoch nicht, dass sie wahr ist.“

Das ist ungeheuer modern.

Er sagt nicht:

Es gibt keine Wahrheit.

Er sagt:

Der Mensch besitzt keinen sicheren Zugang zur Wahrheit.

Zwischen Wahrheit und Meinung besteht immer eine Lücke.

Er unterscheidet Wahrheit und Meinung

Hier verwendet Xenophanes zwei Begriffe:

δόξα (doxa)

= Meinung

und

ἀλήθεια (aletheia)

= Wahrheit.

Wir besitzen nur Meinungen.

Die Wahrheit selbst bleibt größer.

Deshalb ist Erkenntnis ein Annäherungsprozess

Ein weiteres berühmtes Fragment lautet:

„Die Götter haben den Menschen nicht von Anfang an alles offenbart; vielmehr finden die Menschen im Laufe der Zeit durch Suchen das Bessere.“

Das ist fast schon eine frühe Wissenschaftstheorie.

Nicht Offenbarung,

sondern

Suche.

Nicht Dogma,

sondern

Verbesserung.

Sein Gottesbild

Nachdem Xenophanes die menschlichen Gottesbilder kritisiert hat, beschreibt er selbst Gott:

Es gibt einen einzigen größten Gott.

Dieser Gott

  • besitzt keinen menschlichen Körper,

  • denkt vollständig,

  • hört vollständig,

  • bewegt alles durch Denken,

  • verändert sich nicht.

Das erinnert bereits an spätere Vorstellungen eines vollkommenen, unveränderlichen göttlichen Prinzips.

Was hat Xenophanes also entdeckt?

Er entdeckt mehrere Einsichten gleichzeitig:

  1. Anthropomorphismus

    Menschen machen Gott zu einem vergrößerten Menschen.

  2. Projektion

    Jede Art überträgt ihre eigene Natur auf die Welt.

  3. Subjektivität

    Wahrnehmung hängt vom Wahrnehmenden ab.

  4. Erkenntniskritik

    Menschen besitzen keine absolute Gewissheit.

  5. Fortschritt

    Wissen wächst durch Suche und Kritik.

Warum sind die Rinder so wichtig?

Die Rinder symbolisieren nicht einfach Tiere.

Sie stehen für ein allgemeines Gesetz:

Jedes Wesen konstruiert sein Weltbild aus seiner eigenen Existenz heraus.

Der Mensch glaubt oft, die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Xenophanes antwortet:

Nein.

Du siehst sie so,

wie du bist.

Damit nimmt er Gedanken vorweg, die viel später bei Immanuel Kant (die Struktur unseres Erkenntnisvermögens prägt unsere Erfahrung), Ludwig Feuerbach (Religion als Projektion menschlicher Eigenschaften), Friedrich Nietzsche (Perspektivismus) und sogar in Teilen der modernen Evolutionsbiologie und Kognitionswissenschaft wiederkehren. Ausgehend von einer einfachen Beobachtung – dass verschiedene Lebewesen unterschiedliche Vorlieben wie die für bestimmte Nahrung haben und die Welt aus ihrer jeweiligen Natur heraus erfahren – entwickelt Xenophanes eine grundlegende Einsicht: Unsere Bilder von Welt und Gott sind nicht unmittelbare Abbilder der Wirklichkeit, sondern stets durch die Perspektive des Erkennenden geformt. Diese Verbindung von Naturbeobachtung, Religionskritik und Erkenntnistheorie macht ihn zu einem der originellsten Denker der vorsokratischen Philosophie.

2 Kommentare


superheiler
vor 4 Tagen

Die von mir angesprochene Metapher stammt nicht von Xenophon, sondern von dem Vorsokratiker Xenophanes von Kolophon (ca. 570–475 v. Chr.). Sie ist uns nur fragmentarisch überliefert und wurde später von Autoren wie Cicero zitiert. Das Fragment lautet sinngemäß:

„Wenn das Glück in den leiblichen Genüssen bestünde, müssten wir die Rinder glücklich nennen, wenn sie Erbsen zu fressen finden.“ 

Dieses kurze Fragment gehört zu den tiefgründigsten anthropologischen Aussagen der antiken Philosophie.

Die Ebene der Tiere

Das Rind steht für das Leben auf der Ebene unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung.

Es erlebt:

  • Hunger

  • Sättigung

  • körperliches Wohlbefinden

  • Sicherheit

Findet das Rind einen Haufen schmackhafter Erbsen, dann ist sein Bedürfnis vollständig erfüllt.

Für das Tier existiert kein höheres Ziel.

Die Erbse ist deshalb Symbol für:

  • Nahrung

  • Lust


Gefällt mir

Martin Döhring
Martin Döhring
vor 5 Tagen

Xenophanes ist vor allem für seine kritischen, oft provokativen Sprüche über Wissen, Götterbilder und menschliche Erkenntnisgrenzen bekannt. Besonders berühmt sind seine Aussagen über die Unmöglichkeit sicherer Wahrheit und seine Kritik am anthropomorphen Gottesbild.


---


🏛️ Die wichtigsten überlieferten Sprüche von Xenophanes


Die folgenden Aussprüche gelten als die bekanntesten und prägnantesten, die Xenophanes zugeschrieben werden. Sie stammen aus Fragmenten seiner Gedichte und philosophischen Lehrgedanken.


---


📌 Erkenntnis & Wahrheit


• „Kein menschliches Wesen wird je die Wahrheit kennen, denn selbst wenn sie sie zufällig aussprechen sollten, würden sie nicht wissen, dass es die Wahrheit war.“


• „Es gibt keinen und es wird nie einen Menschen geben, der etwas mit Bestimmtheit weiß.“

Gute Zitate

• „Niemals lebte ein Mensch noch wird ein…


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