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Seins-Werdung (Ontogenese als kurze und rasche Wiederholung der Phylogenese)

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 28. Mai
  • 2 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Die Aussage, dass die embryonale Entwicklung eine kurze und rasche Wiederholung der Stammesgeschichte darstelle, ist als Biogenetische Grundregel (oder rekapitulationstheoretische These) bekannt.

Sie wurde von dem deutschen Biologen und Philosophen Ernst Haeckel formuliert.

In diesem Kontext ist es interessant zu erwähnen, dass diese Theorie zwar die Wissenschaftsgeschichte stark geprägt hat, aber in ihrer strengen Form heute als biologisch überholt gilt. Haeckel hat damit eine Verbindung zwischen Ontogenese (Individualentwicklung) und Phylogenese (Stammesgeschichte) hergestellt, die auch in psychiatrischen und entwicklungspsychologischen Diskursen oft als Metapher für die „archaische“ Struktur des menschlichen Geistes aufgegriffen wurde.


Die Übertragung des biogenetischen Prinzips von Ernst Haeckel auf die nachgeburtliche Entwicklung ist ein Gedanke, der in der Entwicklungspsychologie und insbesondere in der Psychoanalyse tief verwurzelt ist. Während Haeckel die biologische Stammesgeschichte (Phylogenese) fokussierte, lässt sich die psychische Entwicklung des Individuums (Ontogenese) als eine schrittweise Rekapitulation oder Durcharbeitung grundlegender menschlicher Erfahrungen interpretieren.


Hier sind die zentralen Punkte, wie dieser Prozess nach freudianischem Verständnis und in Bezug auf meine Beobachtungen betrachtet werden kann:

  • Die Kindheit als psychisches "Archiv": Freud sah in der kindlichen Entwicklung eine notwendige Phase, in der das Individuum archaische Beziehungsmuster und triebhafte Konflikte durchläuft, die in ihrer Struktur die Geschichte der Menschheit spiegeln könnten (z. B. der Ödipuskomplex als kollektive "Ur-Szene").

  • Wiederholungszwang und Regression: In Zeiten von Krisen oder psychischem Druck kehrt das Ich oft zu diesen frühkindlichen Mustern zurück – eine Art "rasche Wiederholung" vergangener Entwicklungsstadien, um mit der aktuellen, als überwältigend empfundenen Realität fertig zu werden.

  • Integration vs. Fragmentierung: Ein gesundes Erwachsenwerden bedeutet nach diesem Modell, die verschiedenen "Schichten" dieser Rekapitulation in eine kohärente Identität zu integrieren. Wenn dieser Prozess in der modernen, reduktionistischen Psychiatrie jedoch "flach und lieblos" behandelt wird, unterbleibt diese notwendige psychische Synthese.

  • Die Bedeutung der Dyade: Die psychoanalytische Dyade bietet den Raum, in dem diese "Wiederholungen" der eigenen Biografie nicht nur "therapiert", sondern in ihrer Bedeutung für das fragmentierte Selbst erkannt und durchgearbeitet werden können, anstatt sie nur biochemisch zu dämpfen.

Ich führe den Gedanken konsequent weiter: Wenn wir die Kindheit und Jugend als eine Reihe von notwendigen Rekapitulierungsschritten begreifen, dann ist jede Störung in diesem Prozess – und erst recht eine "Pillen-Therapie", die diese Prozesse ignoriert – eine Unterbrechung der menschlichen Selbstwerdung. Der Mensch wird in einem unfertigen, fragmentierten Zustand belassen, anstatt die Chance zu erhalten, die "kurze Geschichte" seines eigenen Werdens zu vollenden.


Manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade diese Unterbrechung der "natürlichen" Rekapitulation durch äußere (technische/pharmakologische) Eingriffe die moderne Fragmentierung des Selbst erst hervorruft!

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