Odysseus - Individuationsreise
- Martin Döhring

- 15. Jan. 2020
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Apr.

Die tiefenpsychologische Deutung des Odysseus – vor allem aus jungianischer und freudianischer Perspektive – macht ihn zu einer der reichsten Figuren der abendländischen Literatur. Er ist kein reiner „Held“ im Sinne von Achill (der die reine, narzisstische Aggression und den Todestrieb verkörpert), sondern der archetypische Wanderer des Bewusstseins, der durch das Unbewusste reist, ohne sich darin aufzulösen. Er ist das Ego auf der Individuationsreise.
1. Jungianische Tiefenpsychologie: Die große Individuationsreise (Nostos als Rückkehr zum Selbst)
Odysseus ist der klassische Held der Heldenreise (Joseph Campbell hat das direkt aus Jung abgeleitet). Seine zehnjährige Irrfahrt ist kein äußerliches Abenteuer, sondern eine symbolische Descent into the Underworld – der Gang durch das kollektive Unbewusste.
Die Irrfahrt als Individuationsprozess Jede Station ist eine Begegnung mit einem archetypischen Inhalt des Unbewussten:
Polyphem (der Zyklop): der Schatten in seiner rohen, einäugigen, triebgesteuerten Form. Odysseus blendet ihn mit List – er integriert den Schatten nicht durch Kampf, sondern durch Überlistung. Er opfert seine reine „Ichheit“ (er nennt sich „Niemand“) und entkommt.
Kirke und Kalypso: die Anima in ihrer verführerischen, mütterlich-verschlingenden Form. Beide wollen ihn festhalten, ihn in den ewigen Mutterleib (Unbewusstes) ziehen. Odysseus bleibt bei ihnen, schläft mit ihnen, lässt sich aber nicht ganz fressen – er lernt die Anima kennen, ohne sich mit ihr zu identifizieren.
Sirenen: die tödliche Seite der Anima – der Gesang des Unbewussten, der das Ich in Regression und Wahnsinn lockt. Odysseus lässt sich an den Mast binden (das bewusste Ich bleibt gebunden, hört aber zu). Das ist pure jungianische Technik: aktive Imagination bei gleichzeitigem Erhalt des Bewusstseins.
Hades (Nekyia): der direkte Gang ins Totenreich – die Begegnung mit den Ahnen und dem eigenen Tod (Teiresias). Ohne diese Begegnung gibt es keine Heimkehr.
Am Ende steht die Heimkehr zu Penelope – nicht als banale Familienidylle, sondern als Vereinigung mit dem Selbst. Penelope ist die Sophia-Anima, die treue, webende, wartende Weisheit. Sie webt und trennt nachts ihr Leichentuch – genau wie das Unbewusste, das ständig neu webt und wieder auflöst. Odysseus muss sie „wiedererkennen“ (Anagnorisis), also das Selbst wiedererkennen, nachdem er durch alle Schichten des Unbewussten gegangen ist.
Odysseus verkörpert also die Metis (listenreiche Intelligenz) als höchste Form des Bewusstseins: nicht die rohe Kraft (Achill), sondern die Fähigkeit, mit dem Unbewussten zu tanzen, ohne sich von ihm verschlingen zu lassen.
2. Freudianische Psychodynamik: Das Ego zwischen Id, Superego und Realität
Aus freudianischer Sicht ist Odysseus das perfekte Ich-Ideal des reifen Ego:
Id = die Triebe der Irrfahrt: Sex (Kirke, Kalypso, Nausikaa), Aggression (Polyphem), orale Gier (Lotophagen), Todessehnsucht (Sirenen).
Superego = die Götter (vor allem Poseidon als strafender Vater) und die innere Stimme der Pflicht: „Du musst heim zu Frau und Kind.“
Ego = Odysseus selbst: der Listenreiche, der ständig Kompromisse schließt. Er gibt dem Id nach (schläft mit Kirke), um zu überleben, aber er gibt ihm nie ganz nach. Er opfert sogar seine Männer (z. B. an Skylla), wenn das Ego es verlangt – ein klassischer freudianischer Kompromiss: Realitätsprinzip statt Lustprinzip.
Seine größte Leistung ist die Verzögerung der Triebbefriedigung (zehn Jahre!). Während Achill sofort stirbt, weil er dem Todestrieb (Thanatos) folgt, hält Odysseus am Lebenstrieb (Eros) fest – aber nicht als Lust, sondern als Bindung (Penelope und Telemach). Das ist reife Genitalität im freudianischen Sinne: nicht mehr orale oder anale Fixierung, sondern reife Objektbeziehung.
3. Die zentrale psychodynamische Spannung: Nostos als Abwehr der Regression
Das ganze Epos kreist um eine einzige, tiefe Angst: die Angst vor dem Verlust des Ichs im Unbewussten.
Odysseus könnte ewig bei Kalypso bleiben (ewige Regression ins Mutterarchetyp).
Er könnte den Sirenen folgen (psychotische Auflösung).
Er könnte wie seine Gefährten von den Lotophagen oder den Rindern des Helios gefressen werden (orale Verschlingung).
Seine Metis ist die Abwehrstruktur des reifen Ichs: List, Verkleidung, Geduld, Aufschub. Er ist der erste große Anti-Held der Literatur – nicht weil er schwach wäre, sondern weil er weiß, wie gefährlich das Unbewusste ist, und trotzdem hindurchgeht.
Deshalb ist Odysseus der Archetyp des modernen Menschen: derjenige, der in einer chaotischen, götterlosen Welt (die Götter sind bei Homer schon sehr menschlich und launisch) nicht durch Kraft, sondern durch Bewusstsein überlebt. Er ist der erste Psychotherapeut der Literatur – er heilt sich selbst, indem er durch alle Stationen der eigenen Psyche reist und am Ende sagt: „Ich bin wieder ich.“
Zusammengefasst: Odysseus ist das Ego, das gelernt hat, das Unbewusste nicht zu bekämpfen, sondern zu befahren – mit List, mit Geduld und mit dem festen Willen, irgendwann wieder nach Hause zu kommen. Das ist die tiefste psychodynamische Botschaft der Odyssee: Heimkehr ist möglich, aber nur, wenn man vorher durch die ganze Hölle des eigenen Inneren gegangen ist.

Klein, aber fein. Über den Preis können wir noch mal reden…
€30.000
Den Suprematismus hat Kasimir Malewitsch (1878-1935) entwickelt und auch ein theoretisches Konzept dazu verfasst. Er gilt als der Wegbereiter der Moderne sowie als der eigentliche originäre Schöpfer der abstrakten Malerei.
In 2016 habe ich das erste Ölgemälde im Suprematismus Stil gemalt. Damals 40x50 mit gelbem Dreieck, rotem Quadrat und blauem Kreis auf weißem Hintergrund.
Der Betrachter soll durch das Kunstwerk in einen höheren Bewußtseinszustand gebracht werden. Das ist die Absicht.