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Manie - bipolare Störung - Neurotransmitterverteilung

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 4. Apr. 2020
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen


Bei der bipolaren Störung und insbesondere in der Manie handelt es sich um ein dynamisches Ungleichgewicht mehrerer Neurotransmittersysteme, das sich im Vergleich zur depressiven Phase und zum euthymen (stimmungsstabilen) Intervall deutlich verschiebt. Es gibt nicht den einen "Manie-Transmitter", sondern ein komplexes Zusammenspiel aus erhöhter Erregung, verminderter Hemmung und veränderter Empfindlichkeit der Rezeptoren.


Hier sind die zentralen Missverhältnisse:


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1. Noradrenalin (Norepinephrin)


Noradrenalin ist der klassische Transmitter für Vigilanz, Antrieb und Stressreaktion.


· In der Manie: Es besteht eine deutliche Überaktivität des noradrenergen Systems. Die Konzentration von Noradrenalin und seinem Metaboliten MHPG (3-Methoxy-4-hydroxyphenylglycol) ist im Liquor und Urin erhöht. Auch die Dichte und Empfindlichkeit der adrenergen Rezeptoren scheint gesteigert.

· In der bipolaren Depression: Hier findet sich im Vergleich dazu eine verminderte noradrenerge Transmission.

· Klinische Relevanz: Antidepressiva, die den Noradrenalinspiegel erhöhen, können bei prädisponierten Personen eine manische Episode auslösen oder beschleunigen.


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2. Dopamin


Das dopaminerge System ist bei Manie in ähnlicher Weise überaktiv wie bei der Psychose, jedoch mit einem anderen Verteilungsmuster.


· Überaktivität im mesolimbischen und mesokortikalen Pfad: Dies erklärt die typischen manischen Symptome wie Zielgerichtetheit mit übersteigertem Antrieb, Grandiosität, psychomotorische Unruhe, aber auch die bei schwerer Manie auftretenden psychotischen Symptome (Wahn, selten Halluzinationen).

· Veränderte Empfindlichkeit: Es wird angenommen, dass während einer Manie die Dopamin-Rezeptoren (insbesondere D2- und D1-Rezeptoren) hyperreagibel sind.

· Klinische Relevanz: Antipsychotika (Dopamin-Antagonisten oder partielle Agonisten) wirken bei Manie rasch antimanisch. Substanzen, die Dopamin steigern (z. B. L-Dopa, Amphetamine), können Manien auslösen.


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3. Serotonin (5-HT)


Serotonin ist der wichtigste modulatorische Transmitter für Stimmung, Impulskontrolle und Schlaf. Bei der bipolaren Störung liegt keine einfache Erniedrigung oder Erhöhung vor, sondern eine Funktionsstörung mit phasenabhängiger Dynamik.


· Generell: Die serotonerge Transmission ist bei der bipolaren Störung – unabhängig von der Phase – häufig grundsätzlich eingeschränkt (verminderte 5-HT-Synthese, reduzierte 5-HT1A-Rezeptorbindung).

· In der Manie: Trotz dieser basalen Hypofunktion kommt es zu einer Verschiebung des Gleichgewichts: Ein relativer serotonerger "Tonusverlust" kann die dopaminerge und noradrenerge Überaktivität enthemmen.

· In der Depression: Hier ist der Serotoninmangel (wie bei der unipolaren Depression) ebenfalls ausgeprägt, aber nicht allein ursächlich.

· Klinische Relevanz: Die Wirksamkeit von Lithium und einigen Antikonvulsiva (z. B. Valproat) wird unter anderem über eine Stabilisierung der serotonergen Transmission vermittelt.


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4. GABA (gamma-Aminobuttersäure)


GABA ist der wichtigste hemmende Transmitter im ZNS. Bei der Manie findet sich eine verminderte GABAerge Aktivität.


· In der Manie: GABA-Konzentrationen im Liquor und im Hirngewebe (mittels MRS) sind erniedrigt. Die verminderte inhibitorische Kontrolle führt zu einer Enthemmung auf neuronaler Ebene – das Gehirn kann Erregung nicht mehr ausreichend dämpfen. Dies korrespondiert mit der klinischen Symptomatik: Rededrang, Impulsivität, Getriebenheit.

· In der bipolaren Depression: Auch hier ist GABA häufig erniedrigt, jedoch weniger stark ausgeprägt als in der Manie.

· Klinische Relevanz: GABA-erge Substanzen wie Valproat, Lamotrigin (beeinflusst auch Glutamat) und Benzodiazepine wirken antimanisch bzw. stabilisierend. Alkohol (GABA-agonistisch) wird in Maniephasen oft als Selbstmedikation konsumiert, kann aber die Stimmung weiter destabilisieren.


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5. Glutamat


Glutamat, der wichtigste erregende Transmitter, ist bei der bipolaren Störung in ein exzitatorisches Ungleichgewicht geraten.


· In der Manie: Es besteht eine glutamaterge Überaktivität in frontalen und limbischen Arealen. Dies äußert sich in erhöhten Glutamatspiegeln im Plasma und Liquor sowie in einer veränderten Expression von Glutamatrezeptoren (insbesondere NMDA- und AMPA-Rezeptoren).

· In der bipolaren Depression: Hier wird eher eine glutamaterge Dysfunktion mit regional unterschiedlichen Veränderungen beobachtet, nicht selten ebenfalls eine Erhöhung, aber mit anderer Netzwerkbeteiligung.

· Klinische Relevanz: Das Antikonvulsivum Lamotrigin, das die glutamaterge Freisetzung hemmt, wirkt besonders gut gegen bipolare Depression. Auch Ketamin (NMDA-Antagonist) zeigt schnelle antidepressive Effekte, kann aber manische Symptome auslösen. Moderne Ansätze zielen auf eine Modulation des Glutamat-Gleichgewichts.


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6. Acetylcholin (cholinerges System)


Das cholinerge System spielt eine modulierende Rolle, insbesondere bei der Phasenumschaltung.


· Hypothese: Ein Ungleichgewicht zwischen cholinerger und monoaminerger (Noradrenalin, Dopamin) Aktivität könnte die Stimmungsschwankungen erklären. Eine relative cholinerge Überaktivität wird eher mit Depression assoziiert, während eine verminderte cholinerge Transmission mit Manie einhergehen könnte.

· Diese Hypothese ist jedoch weniger gesichert als die der oben genannten Systeme.


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Zusammenschau: Das dynamische Modell


Man kann die Neurotransmitter-Ungleichgewichte bei der bipolaren Störung nicht isoliert betrachten. Es handelt sich um ein phasenabhängiges, netzwerkbasiertes Missverhältnis:


Phase Noradrenalin Dopamin Serotonin GABA Glutamat

Manie ↑↑ (stark erhöht) ↑↑ (Überaktivität) Funktionsstörung (basal ↓, enthemmend) ↓↓ (erniedrigt) ↑↑ (exzitatorisch)

Euthym normalisiert, aber vulnerabel normalisiert, aber vulnerabel eher ↓ (trait) eher ↓ (trait) eher ↑ (trait)

Depression ↓ (erniedrigt) ↓ (erniedrigt) ↓ (erniedrigt) ↓ (erniedrigt) regional unterschiedlich


Wichtig: Die bipolare Störung ist keine reine Transmitter-Erkrankung. Die Dysregulationen stehen im engen Zusammenhang mit gestörten zirkadianen Rhythmen, mitochondrialer Funktion, neuroinflammatorischen Prozessen und Veränderungen der intrazellulären Signalwege (z. B. GSK-3, Proteinkinase C). Lithium, der Goldstandard der Phasenprophylaxe, wirkt auf nahezu alle diese Ebenen – es moduliert nicht nur Monoamine, sondern auch Glutamat, GABA und intrazelluläre Second-Messenger-Systeme.


Klinische Konsequenz: Die Behandlung der Manie zielt darauf ab, die monoaminerge Überaktivität zu senken (Antipsychotika, Lithium) und die hemmende GABAerge sowie glutamaterge Balance wiederherzustellen (Valproat, Benzodiazepine). Eine alleinige Gabe von Antidepressiva ist wegen des Risikos eines Phasenwechsels in die Manie kontraindiziert.

2 Kommentare


Martin Döhring
Martin Döhring
20. März

Zyklothymie aus Sicht der intrakraniellen Neurotransmitter-Dysbalance – also als Störungen auf Ebene der Botenstoffe und ihrer Schaltkreise im Gehirn.


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1. Grundidee: Das limbische System als Regelkreis


Unsere Stimmung wird im Wesentlichen durch ein Zusammenspiel mehrerer Neurotransmitter in einem Netzwerk gesteuert, das limbisches System, Basalganglien und präfrontalen Kortex umfasst. Die wichtigsten Akteure sind:


· Dopamin (DA) – Antrieb, Belohnung, psychomotorische Aktivität

· Noradrenalin (NA) – Aufmerksamkeit, Energie, „Stresshormon“ im Gehirn

· Serotonin (5-HT) – Impulskontrolle, Stimmungsstabilität, Hemmung

· GABA – hemmender Transmitter, der Übererregung verhindert

· Glutamat – erregender Transmitter, der bei Dysregulation neurotoxisch wirken kann


Bei affektiven Störungen gerät dieses Gleichgewicht in eine dauerhaft verschobene oder oszillierende Schieflage.


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2. Manie: Der „Überschuss“ an Erregungsbotenstoffen


Die Manie (z. B. im…


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Martin Döhring
Martin Döhring
08. Apr. 2020

Nichts ist übrigens schöner, als Gesunde unter einer falschen Diagnose zu behandeln. Da kann der Therapeut hinterher behaupten :“Seht! Ich habe geheilt!“ und vielleicht noch Gelder von der Pharmaindustrie kassieren.

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