Ego - die Ich-Synthese
- Martin Döhring

- vor 7 Tagen
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Wenn man die Ich-Synthese streng im Sinne der Psychoanalyse von Sigmund Freud sieht, muss zunächst zwischen Freuds Theorie und einer modernen neurobiologischen Interpretation unterschieden werden.
Freud selbst kannte weder den heutigen Begriff des autonomen Nervensystems noch die moderne Hirnforschung in ihrer gegenwärtigen Form. Er sprach stattdessen von psychischer Energie, Trieberregung und somatischen Quellen der Triebe.
1. Die Entstehung der Triebenergie
Nach Freud entstehen Triebe an der Grenze zwischen Körper und Psyche.
Ein Trieb besitzt vier Merkmale:
Quelle (somatische Erregung)
Drang (energetischer Druck)
Objekt (worauf sich der Trieb richtet)
Ziel (Spannungsreduktion)
Die Quelle liegt im Körper.
In einer modernen Deutung könnte man sagen:
Der Sympathikus erzeugt Aktivierung, Erregung, Mobilisierung.
Der Parasympathikus erzeugt Entspannung, Regeneration und Rückkehr zum Gleichgewicht.
Beide Systeme erzeugen fortlaufend körperliche Zustandsänderungen.
Diese werden über Interozeption dem Gehirn gemeldet.
Dadurch entsteht ein permanenter Strom von Leibsignalen.
Freud hätte diesen Strom vermutlich als die somatische Grundlage psychischer Erregung betrachtet.
2. Die Differenzierung von Eros und Thanatos
In Freuds später Theorie entstehen aus dieser Grundenergie zwei gegensätzliche Organisationsprinzipien:
Eros
Der Lebenstrieb strebt nach:
Verbindung
Aufbau
Wachstum
Sexualität
Bindung
Kulturbildung
Eros sammelt und integriert.
Thanatos
Der Todestrieb strebt nach:
Spannungsabbau
Auflösung
Entmischung
Rückkehr in einen spannungslosen Zustand
Thanatos trennt und löst auf.
Wichtig:
Freud nahm nicht an, dass es zwei biologische Energien gibt.
Vielmehr organisieren dieselben körperlichen Erregungen sich in unterschiedliche psychische Richtungen.
3. Die Ich-Synthese
Hier beginnt der eigentliche Vorgang der Ich-Bildung.
Das Neugeborene erlebt zunächst keinen stabilen Ich-Kern.
Es erlebt:
Hunger
Sättigung
Lust
Unlust
Spannung
Entspannung
als wechselnde Zustände.
Erst allmählich beginnt eine psychische Synthese.
Das Ich entsteht als Organisationszentrum dieser Erfahrungen.
Man könnte den Prozess schematisch so darstellen:
Leibliche Erregung
↓
Affektive Empfindung
↓
Objektbesetzung
↓
Wiederholung von Erfahrungen
↓
Gedächtnisbildung
↓
Selbstrepräsentation
↓
Ich-Struktur
Das Ich ist somit eine Syntheseleistung.
Es verknüpft:
Körperzustände
Erinnerungen
Affekte
Wahrnehmungen
Handlungen
zu einer relativ stabilen Einheit.
4. Die Rolle von Sympathikus und Parasympathikus
In einer modernen psychoanalytisch-neurobiologischen Synthese könnte man meine Idee folgendermaßen formulieren:
Der Sympathikus erzeugt Zustände von Mobilisierung:
Kampf
Begehren
Suche
Expansion
Der Parasympathikus erzeugt Zustände von:
Ruhe
Rückzug
Verdauung
Regeneration
Zwischen beiden Systemen entsteht ein permanentes Schwingen.
Dieses Schwingen wird psychisch repräsentiert.
Aus diesen Repräsentationen bilden sich:
Wünsche
Ängste
Fantasien
Triebe
und schließlich das Ich selbst.
5. Die Ich-Synthese als Vermittlung zwischen Eros und Thanatos
Im späten Freud ist das Ich weder Herrscher noch Ursprung der Triebe.
Es entsteht vielmehr aus dem Versuch, die gegensätzlichen Bewegungen von Eros und Thanatos zu organisieren.
Man könnte dies als symbolische Synthese beschreiben:
Eros zieht zur Welt hin.
Thanatos zieht zur Ruhe und Auflösung hin.
Das Ich hält beide Kräfte in einer dynamischen Balance.
Als Allegorie:
Tief im Organismus schlagen zwei unsichtbare Gezeiten. Die eine strömt nach außen, sucht Verbindung, Wachstum und Leben. Die andere strömt nach innen, sucht Ruhe, Entlastung und Auflösung. Aus dem fortwährenden Zusammenstoß dieser beiden Strömungen erhebt sich langsam eine Insel. Diese Insel ist das Ich. Sie besitzt keine eigene Energie; sie verdankt ihre Existenz dem Gleichgewicht der Kräfte, die sie umspülen. Je besser sie die Strömungen integriert, desto stabiler wird ihre Gestalt.
Dabei ist zu betonen, dass die Verbindung „Sympathikus = Eros“ und „Parasympathikus = Thanatos“ keine Aussage Freuds ist. Sie ist eine moderne philosophische bzw. metapsychologische Interpretation, die psychoanalytische Konzepte mit heutiger Neurophysiologie zu verknüpfen versucht.



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