die Übertragungsneurose meiner Generation
- Martin Döhring

- 10. Apr.
- 4 Min. Lesezeit

Westdeutschland, Elitegymnasium. 80er Jahre, aber keine normale Schule, denn hier sind Universitätsdozenten Lehrer. Die Exzesse des Mathematiklehrers mit Integral und Differentialrechnung, Kurvendiskussion und linearer Algebra sowie Vektorrechnung sind Verschnaufpausen, wenn ansonsten ein Parforce Ritt durch die Kultur, Soziologie und Psychologie per Deutschunterricht (Germanistik) vorgenommen wird. Anspruchsvolles Niveau mit Hölderlins „harter Fügung“, der Farbmythologie der Rose Ausländer oder der Artistik des Stils im Werk von Thomas Mann. Goethes Faust ist dagegen nur ein rustikaler Bauernschwank , wenn auch gleich mit Schuld-und-Sühne-Motiv. Eine gewisse Krönung des Ganzen war die Auseinandersetzung mit Peter Weiss' „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Vordergründig ist hier das Sujet Französische Revolution. Man kann aber vermuten, dass es in diesem Psychiatrie Thriller um einen präfreudianischen sadistischen Chefarzt geht, der absichtlich den Kommunisten Marat durch dessen Geliebte Charlotte Corday umbringen lässt aus Rache, aber auch als reaktionäre Handlung.
Psychodynamische Ausarbeitung der beschriebenen Schulerfahrung
Die von mir geschilderte Elite-Gymnasium-Umgebung der 1980er Jahre in Westdeutschland – kein normales Gymnasium, sondern eine Art universitäres Vorspiel mit Dozenten als Lehrern – stellt eine hochgradig verdichtete, fast rituelle Szene dar. Sie ist geprägt von einem permanenten Leistungsdruck, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern die gesamte psychische Struktur des Schülers in Anspruch nimmt. Die Mathematik (Integral, Differential, Kurvendiskussion, lineare Algebra, Vektorrechnung) fungiert dabei als Verschnaufpause – als ein Bereich klarer, affektfreier Logik, in dem das Ich vorübergehend Ruhe vor dem eigentlichen „Parforce-Ritt“ findet. Dieser Ritt findet im Deutschunterricht statt: eine gnadenlose Durchquerung von Kultur, Soziologie und Psychologie auf höchstem Germanistik-Niveau.
Zentrale psychodynamische Mechanismen
1. Intellektualisierung als dominierende Abwehr
Das gesamte Curriculum ist ein klassischer Fall von Intellektualisierung (nach Anna Freud): Affekte, Triebimpulse und frühe Objektbeziehungen werden nicht direkt erlebt, sondern in hochkomplexe kulturelle und theoretische Konstrukte umgewandelt. Die „harte Fügung“ Hölderlins, die Farbmythologie Rose Ausländers oder die artistische Ironie und Collage-Technik Thomas Manns dienen nicht primär der ästhetischen Bildung, sondern als Container für unbewusste Konflikte. Der Schüler lernt, Emotionen und Triebregungen durch Stilanalyse, Mythenkritik und ideengeschichtliche Kontextualisierung auf Distanz zu halten. Die Mathematik verstärkt diesen Mechanismus noch: Sie ist der reine, kalte Über-Ich-Bereich, in dem kein Raum für Ambivalenz bleibt.
2. Über-Ich als sadistisch-intellektuelles Kollektiv
Die Lehrer (Universitätsdozenten) erscheinen als internalisierte, übermächtige Autoritätsfiguren – weniger als Pädagogen, sondern als eine Art intellektuelles Über-Ich-Kollektiv. Sie verkörpern eine gnadenlose, fast de-Sade’sche Anforderung: Du musst nicht nur verstehen, du musst auf dem Niveau der höchsten deutschen Geistesgeschichte mithalten. Goethe’s Faust wird dabei bewusst bagatellisiert („rustikaler Bauernschwank“) – eine Abwehr gegen das allzu direkte Schuld-Sühne-Motiv, das sonst das eigene Über-Ich zu sehr aktivieren würde.
3. Die Krönung: Marat/Sade als szenische Verdichtung der gesamten Dynamik
Peter Weiss’ Stück ist hier kein literarisches Schlussstück, sondern die psychodramatische Kernszene der gesamten Schulzeit. Meine eigene Lesart ist aufschlussreich: Vordergründig Französische Revolution, tatsächlich aber ein präfreudianischer sadistischer Chefarzt (de Sade als Regisseur im Irrenhaus), der den Kommunisten Marat gezielt durch dessen Geliebte Charlotte Corday ermorden lässt – aus Rache und als reaktionärer Akt.
- De Sade steht für den sadistischen, manipulativen Autoritäts-Aspekt des Über-Ichs (und der Lehrer): Er lässt die „Irren“ (die Schüler) das Stück spielen, während er die Fäden zieht.
- Marat verkörpert den rebellischen, triebhaften, „kommunistischen“ Es-Anteil – das Ungebändigte, das Revolutionäre, das letztlich geopfert wird.
- Charlotte Corday ist die ambivalente weibliche Figur: Geliebte und Mörderin zugleich.
- Das Irrenhaus Charenton symbolisiert die Schule selbst: ein kontrollierter Raum, in dem Wahnsinn (d.h. unkontrollierte Affekte) zugelassen, aber gleichzeitig theatralisch gebändigt wird.
Die Inszenierung erlaubt es dem Schüler, sowohl Täter als auch Opfer zu sein: Er spielt die Revolution mit, erlebt aber gleichzeitig die sadistische Regie des „Chefarztes“. Das Stück wird damit zur szenischen Wiederholung einer frühen Dynamik von Kontrolle, Rache und Opferung.
Mutmaßliche frühkindliche Konflikte (spekulativ, aber stringent aus der Materiallage abgeleitet)
Die beschriebene Schulstruktur wirkt wie eine Wiederholung und Verstärkung einer frühkindlichen Objektwelt, in der folgende Konstellationen wahrscheinlich waren:
- Strenger, intellektuell überlegener Vater (oder mütterliche Vater-Imago) als sadistisch-intellektuelles Über-Ich.
Der Vater (bzw. eine elterliche Figur) war vermutlich hochgebildet, emotional distanziert und fordernd. Liebe wurde nicht über Zärtlichkeit, sondern über intellektuelle Leistung vermittelt. Jede emotionale Regung wurde mit „Denken“ beantwortet – ein klassischer Fall von „Kalte-Mutter-“ bzw. „Kalte-Vater-Dynamik“ (in der Objektbeziehungspsychologie). Die Dozenten-Lehrer sind die direkte Übertragung dieses Vaterbildes auf die Institution Schule.
- Präödipaler Konflikt um Verschmelzung und Abgrenzung
Die „Parforce-Ritt“-Qualität des Unterrichts deutet auf eine frühe Erfahrung hin, in der das Kind sich ständig überfordert fühlte – als müsse es intellektuell „mithalten“, um nicht verschlungen oder verlassen zu werden. Die Mathematik als Verschnaufpause spiegelt das Bedürfnis nach einem klaren, nicht-verschmelzenden Objekt (dem „Vater der Logik“), das vor der alles verschlingenden mütterlich-kulturellen Welt schützt.
- Ödipal-revolutionärer Konflikt mit sadistischer Rachekomponente
Der Marat/Sade-Komplex legt nahe, dass der frühkindliche Vatermord-Wunsch (klassisch ödipal) stark mit Schuld, Rache und Gegen-Rache besetzt war. Der „kommunistische“ Marat (der rebellische Sohn) wird vom sadistischen Chefarzt (Vater) durch die eigene Geliebte ermorden lassen. Das Kind hat möglicherweise unbewusst erlebt, dass jeder Revolte (jede Autonomie) mit subtiler Rache beantwortet wird – nicht körperlich, sondern durch intellektuelle Demütigung oder emotionale Entzug. Die Schule wiederholt diese Szene: Du darfst die Revolution (die große Literatur, das Denken) spielen – aber nur unter der Regie des sadistischen Über-Ichs.
- Identitäts- und Schuld-Thematik (Hölderlin, Ausländer, Mann)
Hölderlins Wahnsinn, Ausländers Verlust- und Exilthematik sowie Manns ironische Künstlerproblematik deuten auf eine frühkindliche Spaltung zwischen „Genie“ und „Wahnsinn“, zwischen kultureller Zugehörigkeit und existentieller Fremdheit. Möglicherweise gab es in der Familie eine unbewusste „Schuld“-Thematik (post-68er-Generation, NS-Vergangenheit der Großeltern, Schweigen der Eltern), die durch intellektuelle Hochleistung abgewehrt werden musste.
Zusammenfassende Dynamik
Die Schulzeit stellt eine szenische Re-Inszenierung einer frühkindlichen Welt dar, in der das Kind lernen musste, seine Affekte und Revolte-Impulse durch extreme Intellektualisierung zu bändigen, während es gleichzeitig unter der sadistischen Regie eines übermächtigen, aber intellektuell faszinierenden Autoritäts-Objekts stand. Die Mathematik bot die einzige „saubere“ Zuflucht, die Literatur hingegen die Bühne, auf der die alten Konflikte (Verschmelzung vs. Abgrenzung, Rache vs. Unterwerfung, Schuld vs. Revolution) endlos durchgespielt werden konnten – ohne je wirklich gelöst zu werden.
Das Marat/Sade-Stück ist dabei die perfekte Übertragungsneurose der gesamten Schulzeit: Der Schüler darf die Revolution (seine eigenen unbewussten Impulse) spielen – aber nur unter der strengen, sadistisch-lustvollen Regie des „Chefarztes“. Genau so, wie es in der frühen Kindheit vermutlich gewesen war.



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