Der Irrenarzt des Terroristen
- Martin Döhring

- 3. Juni
- 2 Min. Lesezeit

Martin Pappenheim ist eine der faszinierenden Randfiguren der frühen Psychiatrie und der Geschichte des Ersten Weltkriegs. Heute ist er vor allem deshalb bekannt, weil er 1916 als Militärpsychiater der österreichisch-ungarischen Armee den Attentäter von Sarajevo, Gavrilo Princip, im Gefängnis von Theresienstadt (heute Terezín in Tschechien) mehrfach interviewte.
Wer war Martin Pappenheim?
Martin Pappenheim wurde 1881 in Pressburg geboren und studierte Medizin in Wien. Er arbeitete an psychiatrischen Kliniken in Prag und Heidelberg und habilitierte sich während des Ersten Weltkriegs in Wien. Als Militärarzt beschäftigte er sich mit neurologischen und psychiatrischen Folgen des Krieges und wurde zeitweise als Gefängnispsychiater eingesetzt. Später leitete er die neurologische Abteilung des Krankenhauses Lainz in Wien. Politisch war er sozialdemokratisch orientiert.
Die Begegnung mit Gavrilo Princip
Zwischen Februar und Juni 1916 führte Pappenheim vier längere Gespräche mit Gavrilo Princip, der nach dem Attentat auf Franz Ferdinand in Theresienstadt inhaftiert war. Zu diesem Zeitpunkt war Princip schwer krank, litt an Tuberkulose und befand sich unter harten Haftbedingungen.
Pappenheim interessierte sich nicht nur für den politischen Täter, sondern für den Menschen hinter dem Attentat. Seine Aufzeichnungen gehören heute zu den wichtigsten Primärquellen über Princips Persönlichkeit.
Aus den Gesprächen entsteht das Bild eines jungen Intellektuellen, der viel las, sich für Literatur und politische Ideen begeisterte und sein Attentat nicht als persönliche Tat, sondern als Teil eines historischen und nationalen Kampfes verstand. Princip erklärte gegenüber Pappenheim, der Weltkrieg wäre seiner Ansicht nach auch ohne das Attentat ausgebrochen und er könne sich deshalb nicht als alleinigen Verursacher der Katastrophe betrachten.
War Pappenheim ein Psychoanalytiker?
Das ist der interessante Punkt: Pappenheim war Psychiater und Neurologe, aber kein orthodoxer Freudianer. Dennoch bewegte er sich im intellektuellen Umfeld der Wiener Psychiatrie und stand später in Kontakt mit Freuds Kreis. Historiker haben sogar untersucht, ob seine Arbeiten indirekt Einfluss auf Freuds spätere Überlegungen zu Krieg, Aggression und Massenpsychologie gehabt haben könnten.
Seine Gespräche mit Princip unterscheiden sich deutlich von einem polizeilichen Verhör. Sie erinnern eher an eine frühe Form der biographischen Tiefenexploration: Kindheit, Familie, Lektüre, politische Ideale, persönliche Entwicklung und Selbstdeutung stehen im Mittelpunkt.
Warum sind die Gespräche bedeutsam?
Historisch sind sie einzigartig, weil sie einen politischen Attentäter nicht als Monster, sondern als denkenden Menschen zeigen. Pappenheim versuchte zu verstehen, wie aus einem kränklichen Bauernsohn aus Bosnien ein Revolutionär wurde, dessen Tat zum Auslöser einer Weltkatastrophe werden sollte.
Aus psychohistorischer Sicht wirken die Aufzeichnungen fast wie eine Vorform dessen, was Freud eine Analyse der Motive genannt hätte. Pappenheim suchte weniger nach Schuld als nach Sinnzusammenhängen: Welche Erfahrungen, welche Ideale und welche inneren Überzeugungen führten zu dieser Tat?
Dadurch sind seine Notizen heute nicht nur ein Dokument der Psychiatriegeschichte, sondern auch eines der seltenen Selbstzeugnisse eines Mannes, dessen Schüsse in Sarajevo den Verlauf des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflussten.




Martin Pappenheim ist eine jener faszinierenden Figuren, die zwischen Psychiatrie, Politik und Geschichte stehen – ein Arzt, der die seelische Dimension des Krieges und der Revolution zu begreifen versuchte, lange bevor es dafür Begriffe wie „Traumatisierung“ oder „Tiefeninterview“ gab.
1. Der Arzt zwischen Krieg und Geist
Geboren 1881 in Pressburg, ausgebildet in Wien, war Pappenheim Teil jener Generation, die die Psychiatrie aus der reinen Neurologie herausführte. Er arbeitete in Prag und Heidelberg, habilitierte sich in Wien und wurde im Ersten Weltkrieg Militärpsychiater. Sein Interesse galt nicht nur der Pathologie, sondern der psychischen Struktur des Menschen im Ausnahmezustand – Soldaten, Gefangene, Täter.
ᄌマ 2. Die Begegnung mit Gavrilo Princip
Zwischen Februar und Juni 1916 sprachMartin Pappenheim ist tatsächlich eine faszinierende Figur an der Schnittstelle von…