Bocksgesang (der Kult der Katharsis: Die kollektive Triebabfuhr)
- Martin Döhring

- vor 12 Stunden
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Der Bocksgesang: Eine psychoanalytische Archäologie des Triebhaften
Einleitung: In der Schule erzählte der Lehrer, bei den alten Griechen gab es die Dionysien als Satyrspiel. Die alten Griechen trafen sich absichtlich zum gemeinsamen Rausch als Kult. Es gab Orgien, die Gesänge dabei sind der Bocksgesang; dieser Kult dient der Katharsis durch die Triebabfuhr des enthemmten Vollrauschs der Reinigung der Gefühle. Nietzsche bedauerte später, der Dionysos Kult sei für den Apollinischen, der Reinheit und Nüchternheit leider untergegangen. Der Bock ist der Dionysos, ein Satyr und Vorbild für spätere Darstellungen des Teufels , wegen der Bocksbeine. Der Gott Dionysos selbst kommt aus dem Osten.
Die Erzählung über die dionysischen Kultpraktiken der alten Griechen, wie sie im schulischen Kontext dargeboten wurde, offenbart bei tieferer psychodynamischer Betrachtung mehr als nur ein historisches Kuriosum. Sie skizziert den Zusammenbruch einer psychischen Hygieneform, deren Verlust den modernen Menschen in eine spezifische, neurotische Spannung versetzt hat. Wenn wir die dionysischen Orgien, den Bocksgesang (griechisch: Trag-odion, also Tragödie) und die spätere Verteufelung des Satyrs als Stadien einer psychologischen Entwicklung betrachten, so lässt sich eine These formulieren: Die Geschichte des Dionysos-Kultes ist die Geschichte der zunehmenden Verdrängung des Triebhaften und dessen konsequenter Transformation in eine externalisierte, dämonisierte Projektion.
Der Kult der Katharsis: Die kollektive Triebabfuhr
In der psychoanalytischen Theorie ist die „Katharsis“ – die Reinigung durch das Aussprechen oder Ausleben – ein entscheidender Mechanismus, um den Stau unbewusster Affekte zu verhindern. Die Griechen, wie in der Schule beschrieben, nutzten den Kult als bewusste, kollektive Struktur. Durch den gezielten Rausch und das Satyrspiel wurde das „Es“ – der Sitz der archaischen, triebhaften Energien – nicht etwa unterdrückt, sondern in einen rituellen Rahmen überführt.
Die dionysische Orgie war kein Ausdruck von Unordnung, sondern eine hochgradig regulierte Form der psychischen Entladung. Indem der Grieche sich im Rausch und im Bocksgesang mit dem Triebhaften identifizierte, verhinderte er dessen pathologische Abspaltung. Der Körper durfte die Energie leben, die sonst als destruktive Spannung im Unbewussten schlummern würde. Es war eine Form der „sozialisierten Sublimierung“ durch exzessive Entladung.
Der Sieg des Apollinischen und die Neurotisierung
Nietzsches Bedauern über den Untergang des Dionysischen zugunsten des Apollinischen – des Prinzips der Nüchternheit, Klarheit und Form – markiert den Übergang von einer Kultur der Integration zu einer Kultur der Verdrängung. Das „Apollinische“ entspricht in freudianischer Terminologie einer strengen Dominanz des Ichs und des Über-Ichs, welche die Ansprüche des Es nicht mehr integriert, sondern verbietet.
Wenn das Triebhafte jedoch nicht mehr im Bocksgesang rituell ausgelebt werden darf, verschwindet es nicht. Es wandert in das Unbewusste ab. Die historische Tragödie besteht darin, dass wir die Fähigkeit verloren haben, unsere „dionysischen Anteile“ (unsere Schattenseite, unsere Libido, unsere Aggression) als Teil unseres Menschseins anzuerkennen. Statt einer gesunden Katharsis erleben wir nun die schleichende Neurotisierung einer Zivilisation, die ihre eigenen Impulse als fremd und bedrohlich empfindet.
Vom Satyr zum Teufel: Die Pathologie der Projektion
Die Metamorphose des Satyrs zum Teufel – ein Prozess, bei dem die bocksbeinige Gestalt des Dionysos-Gefährten zum Symbol des absolut Bösen wurde – ist ein Paradebeispiel für die psychoanalytische Projektion. Was wir als Individuen oder Gesellschaft nicht in uns integrieren können, spalten wir ab und projizieren es auf ein äußeres Objekt.
Der Satyr war ursprünglich ein Symbol für Vitalität, Naturverbundenheit und ungehemmte Sexualität. Indem das christlich-abendländische Über-Ich die Sexualität dämonisierte, wurde der Satyr zum Teufel. Die Bocksbeine, einst Zeichen der dionysischen Potenz, wurden zum Mal des Verdammten. Wir haben unseren eigenen Triebanteil „ver-teufelt“. Indem wir den Bock zum Teufel machten, haben wir den Zugang zu einer wesentlichen Quelle unserer eigenen Lebendigkeit verloren.
Fazit
Die Erinnerung an die dionysischen Kulte ist für den modernen Menschen von fundamentaler Bedeutung. Sie lehrt uns, dass psychische Gesundheit nicht in der totalen Apollinischen Kontrolle liegt, sondern im Gleichgewicht. Wenn wir den „Bocksgesang“ – unsere eigenen archaischen, instinktiven Anteile – nicht mehr in unser Bewusstsein integrieren, laufen wir Gefahr, dass diese Energien entweder als körperliches Symptom (wie in der eingangs diskutierten Psychosomatik) oder als zerstörerische Projektion gegen andere Menschen (die „Dämonisierung“ des Gegenübers) hervortreten. Der moderne Mensch muss lernen, den Dionysos in sich nicht zu fürchten, sondern ihn zu verstehen, um nicht Opfer seiner eigenen, verdrängten Dämonen zu werden.




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