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Am Strand der Venus: Mein Aufschlag als Hollywood Doctor

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 19 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Der Jetlag hing mir noch in den Knochen, als die Räder der Maschine den Asphalt von LAX küssten. Aber die kalifornische Luft, dieses Gemisch aus Ozeansalz, Kerosin und unbegrenzten Möglichkeiten, wirkte wie ein Adrenalinstoß. Raus aus dem Terminal, kurzer Prozess am Leihwagenschalter – der Wagen steht bereit, ich bin hochzufrieden. Es ist 16 Uhr, die goldene Stunde von Los Angeles bricht an. Mein Ziel: Venice Beach.

Ich steuere den Wagen direkt zur Horizon 10 Lane. Ein Parkplatz mit Geschichte – buchstäblich. Die Kulisse für „Natural Born Killers“, jenen fiebrigen Trip von Oliver Stone (auch wenn Michael Douglas eher in „Falling Down“ durch L.A. marodierte, passte das Gefühl der latenten Aggression und Freiheit perfekt). Ich stelle den Wagen ab und laufe zu Fuß weiter zum Strip.


Das Treffen bei den „Weirdos“

Venice Beach ist das Schaufenster des Wahnsinns und der Schönheit. Zwischen Bodybuildern, Wahrsagern und jenen weltberühmten „Weirdos“, die das Straßenbild prägen, setze ich mich in ein Strandcafé. Vor mir ein eiskaltes IPA. Hier, am Strand der Venus, geschieht das Unerwartete: Ich komme mit Frank ins Gespräch. Ein Amerikaner, neugierig, mit einer Tiefe, die das Klischee der kalifornischen Oberflächlichkeit sofort Lügen straft.

Frank ist Therapeut in einem Zentrum für Psychosomatik. Als ich erzähle, dass ich als deutscher Arzt früher in der psychiatrischen Rehabilitation gearbeitet habe, leuchten seine Augen auf. „A German Doctor with a background in psychoanalysis?“ Er ist fasziniert von der europäischen Schulbildung. Wir landen schnell bei Eric Berne. Frank kennt seine Werke, er schätzt die Klarheit. Noch beim zweiten Bier steht die Einladung: „Komm morgen vorbei. Schau dir an, was wir machen.“


Pop-Art für die Psyche: Das Zentrum

Am nächsten Tag tauche ich in eine Welt ein, die ich so aus Deutschland nicht kannte. Frank arbeitet viel mit der Transaktionsanalyse (TA). Ich begreife schnell: Das ist „Pop-Art-Psychoanalyse“. Sie ist grafisch, sie ist schnell, sie ist im „Hier und Jetzt“.

Das Patientenspektrum ist so schillernd wie tragisch: Schwere Suchterkrankungen – Alkohol, Heroin –, Essstörungen und jene tiefsitzenden Angststörungen, die oft hinter den glänzenden Fassaden Hollywoods lauern. Doch der Therapieansatz hier ist radikal modern.


Die Symbiose: GLP-1 und Logotherapie

Wir führen eine ambulante Anbehandlung mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten durch. Es ist verblüffend: Das neurobiologische Verlangen (Cravings) nach Alkohol lässt bei den Patienten rasch nach. Doch die Chemie ist nur das Fundament. Nach dem medizinischen Check – Labor, EKG, körperliche Untersuchung – folgt der psychologische Überbau.

Hier wird eine strikte Abstinenz gefordert, die fast schon an Viktor E. Frankls Logotherapie erinnert. Es geht um den Sinn. Wenn die Sucht nachlässt, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum muss mit Sinn gefüllt werden, sonst siegt das alte Skript.


Desert Hot Springs: Am Rande des Abgrunds

Frank bittet mich, für zwei Wochen die Vertretung in der Gruppentherapie in Desert Hot Springs zu übernehmen. Ich fahre zwei Stunden raus aus dem Lärm der Stadt, direkt an den Rand des Death Valley, im Schatten der San Jacinto Mountains. Ein magischer Ort, an dem Hollywood-Stars und Film-Mitarbeiter Ruhe suchen – oder den Entzug.

Dort lerne ich Michael kennen. Ein Mann wie ein Baum, einst Sparringspartner von Chuck Norris und Bruce Lee in San Francisco. Er suchte nicht den Ruhm des Kinos, sondern die Wurzel der Kraft. Er ging nach China, um die Tradition hinter den Martial Arts zu studieren.

Jetzt leitet er das Qi Gong. Zweimal täglich stehen wir in der Wüstenhitze:

  • Atemgymnastik: Das Lungen-Volumen nutzen, um das vegetative Nervensystem zu beruhigen.

  • Entspannung: Das „Locker-Werden“ als körperliches Korrelat zur psychischen Öffnung.

    Michael arbeitet zudem als Heilpraktiker mit Akupunktur und Kräutern. Es ist eine hochfrequente Arbeit im Kollektiv. Die Gruppendynamik wirkt hier wie ein Resonanzverstärker.


Das Aufdeckungswerk: PAC und Riff

In den Sitzungen nutzen wir die TA, um die Architektur der Psyche freizulegen. Wir analysieren das PAC-Modell (Parent-Adult-Child):

  1. Eltern-Ich: Woher kommen die zerstörerischen Botschaften?

  2. Erwachsenen-Ich: Die rationale Steuerung (z.B. die Entscheidung für das GLP-1).

  3. Kindheits-Ich: Der Sitz des Traumas, aber auch der Kreativität.


Gleichzeitig „klopfen wir nach Riff“ ab – wir suchen die Situationen des Scheiterns, die sich im Leben der Süchtigen wie ein roter Faden wiederholen. Es ist eine architektonische Umgestaltung des Freud’schen Fundaments. Wir graben nicht jahrelang in der Vergangenheit, sondern wir operationalisieren die Tiefenpsychologie für das Überleben im kalifornischen Licht.


Am Strand der Venus begann meine Reise als Hollywood Doctor – zwischen der harten Chemie der Moderne und der uralten Weisheit des Atems. Es war der Moment, in dem ich begriff, dass Heilung oft dort passiert, wo das Meer auf den Wüstenstaub trifft.

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